Nachlese des 78. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Düsseldorf (6.10.2026)
Wie stellt sich die Urologie für die Zukunft auf?
Düsseldorf. Unter dem Motto „Dem Leben eine Zukunft geben“ stellte DGU-Präsidentin Prof. Dr. med. Susanne Krege eine Frage in den Mittelpunkt des 78. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Urologie. Wie muss sich die Urologie aufstellen, damit sie auch unter veränderten Bedingungen eine gute Versorgung sichern kann?
Die medizinischen Antworten darauf füllten vier Tage Kongressprogramm. Prof. Krege setzte daneben eigene Akzente. Sie reichten von den Strukturen des Gesundheitssystems über Künstliche Intelligenz und Nachhaltigkeit bis zur Zukunft der Kinderurologie.
Qualität braucht mehr als Konzentration

Gleich zu Beginn ging es im DGU- Forum „Spannungsfeld Reform und Qualität“ um die Bedingungen, unter denen Medizin künftig stattfinden wird. Deutschland leistet sich eines der teuersten Gesundheitssysteme gemessen an seiner Wirtschaftsleistung. Trotzdem steht das System unter erheblichem Reformdruck.
Eine politische Antwort lautet Konzentration. Leistungen sollen stärker an bestimmte Strukturen und Mindestmengen gebunden werden. Doch folgt aus weniger Standorten automatisch bessere Medizin?
Im DGU- Forum wurde dieser Zusammenhang differenzierter betrachtet. Qualität braucht Erfahrung und Expertise. Sie muss aber nicht zwangsläufig bedeuten, Versorgung an immer weniger Orten zu konzentrieren. Verbindliche Netzwerke können spezialisiertes Wissen zusammenführen, Standards sichern und zugleich Versorgung in der Fläche ermöglichen.
Dahinter steht eine Frage, die für die Urologie weit über die aktuelle Krankenhausreform hinausreicht. Wie lässt sich Qualität organisieren, ohne Versorgung unnötig zu verengen? Die Antwort wird nicht für jede Leistung gleich ausfallen. Aber sie sollte sich an der Qualität orientieren und nicht allein an der Größe eines Standorts.
Wenn KI mitentscheidet

Kaum ein Thema zeigte den Wandel der Medizin so unmittelbar wie Künstliche Intelligenz. Sieben Sitzungen und 38 Programmbeiträge beschäftigten sich damit. Hinter dieser Zahl steckt längst mehr als technologische Neugier. Es geht darum, wie sich ärztliche Arbeit verändert, wenn Algorithmen sehen, sortieren, formulieren und Entscheidungen vorbereiten.
Im Plenum der Präsidentin trafen dazu zwei bewusst gegensätzliche Perspektiven aufeinander. Prof. Dr. med. Dr. phil. Torsten Haferlach zeigte, was bereits möglich ist. Vollautomatisierte Mikroskope klassifizieren Zellen, Algorithmen sortieren Chromosomen vor, Large Language Models bereiten Befunde vor. Seine Prognose für die kommenden fünf Jahre war entsprechend weitreichend. KI werde Teil des „urologischen Betriebssystems“ und nahezu jeden Schritt des medizinischen Arbeitsablaufs begleiten.
Die Grenze zog Prof. Haferlach beim Menschen. Keine KI in der Medizin ohne den „Human in the Loop“.
Genau dort setzte Prof. Dr. theol. lic. phil. Peter G. Kirchschläger an. Reicht es, den Menschen in der Schleife zu lassen? Kann eine Ärztin oder ein Arzt einer Empfehlung tatsächlich noch widersprechen, wenn das System als überlegen wahrgenommen wird?
Schon den Begriff Künstliche Intelligenz hält der Sozialethiker für irreführend. Er spricht von „datenbasierten Systemen“, kurz DS. Denn Maschinen verfügten weder über die unterschiedlichen Formen menschlicher Intelligenz noch über Freiheit, Selbstbestimmung oder moralische Verantwortung. Sie können unterstützen. Verantwortlich sein können sie nicht.
Damit wurde aus der Debatte über eine neue Technologie eine Debatte über ärztliche Autonomie. Prof. Kirchschläger bestritt die Chancen datenbasierter Systeme keineswegs. Er sah Möglichkeiten zur Entlastung und für effizientere Abläufe, warnte aber vor Eingriffen in Datenschutz und Privatsphäre sowie vor einer Medizin, die den einzelnen Menschen hinter Datenpunkten und Clustern aus dem Blick verliert. Seine Konsequenz ist politisch. Ethik müsse von Anfang an Teil der Entwicklung sein. Zudem brauche es eine internationale Regulierung auf Grundlage der Menschenrechte. Mit der International Data Based Systems Agency, IDA, stellte er dafür ein konkretes Modell vor.
Und dann wurde KI auf dem Kongress auch ausprobiert. In einem KI- Tumorboard traf ärztliche Expertise auf digitale Unterstützung, begleitet vom Roboter „Luke“. Zwischen ernsthafter Medizin und spielerischem Format steckte dieselbe Frage, die zuvor das Plenum beschäftigt hatte. Was geben wir an Systeme ab und was nicht?
Den Fußabdruck verkleinern. Den Handabdruck vergrößern.

Beim Klimaschutz richtete sich der Blick zunächst auf die Medizin selbst. Dr. med. Matthias Albrecht von KLUG erinnerte im Plenum der Präsidentin daran, dass das Gesundheitswesen unter den Folgen des Klimawandels leidet und zugleich selbst Emissionen verursacht.
Sein Bild vom Fußabdruck und vom Handabdruck führt einen Schritt weiter. Den eigenen Fußabdruck zu verkleinern heißt, weniger Ressourcen zu verbrauchen und Emissionen zu vermeiden. Der Handabdruck beginnt dort, wo der eigene Einfluss größer wird. Wenn Beschaffung verändert wird. Wenn medizinisch gleichwertige, aber umweltschonendere Alternativen gewählt werden. Wenn Abläufe so organisiert werden, dass andere mitziehen.
Albrechts Botschaft war deshalb nicht Verzicht, sondern Wirkung. „Klimaschutz ist Gesundheitsschutz.“ Wer im Gesundheitswesen arbeitet, kann nicht nur den eigenen Verbrauch verändern, sondern Strukturen.
Wie konkret das werden kann, zeigte das Plenum Nachhaltigkeit. Daniel Unger nahm Medizinprodukte in den Blick. Recycling ist bereits möglich. Von einer wirklichen Kreislaufwirtschaft ist die Medizin dennoch entfernt. Und wenn jeder Hersteller ein eigenes Rücknahmesystem aufbaut, entsteht im OP das nächste praktische Problem. Mit der Initiative „Weißer Punkt“ soll deshalb ein gemeinsames System geschaffen werden.
Noch näher am Klinikalltag waren die Zahlen von Prof. Dr. Moritz Göldner. Seine Auswertung umfasste 213.048 Operationen in 25 Kliniken. Allein OP- Kittel und Abdeckungen verursachten dabei mehr als 350 Tonnen Abfall. In einzelnen Versorgungsformen ergab der Vergleich mit Standards ein ökologisches Einsparpotenzial von bis zu 23 %. Nicht durch schlechtere Versorgung, sondern durch weniger überschüssiges Material.
So einfach ist die Transformation dennoch nicht. Abfallrecht, Regulierung, Hygiene und Haftung bestimmen mit, was Kliniken verändern können. Und selbst für eine vermeintlich einfache Frage fehlt bislang eine verlässliche Grundlage. Wie klimafreundlich ist Medizinprodukt A im Vergleich zu Produkt B?
Prof. Krege brachte damit einen zentralen Punkt ihres Nachhaltigkeitsschwerpunkts auf den Tisch. Soll der CO2-Fußabdruck künftig bei der Beschaffung eine Rolle spielen, müssen Hersteller und Kliniken nach vergleichbaren Maßstäben rechnen. Sonst bleibt Nachhaltigkeit ein Kriterium, das sich kaum überprüfen lässt.
Wenn aus Kindern Erwachsene werden
Ein besonderes Anliegen von Prof. Krege war die Kinderurologie. Dabei geht es derzeit auch um die Frage, wo kinderurologische Kompetenz künftig verankert sein soll. Zur Diskussion steht eine stärkere Verankerung in der Kinderchirurgie. Ein eigenes Forum widmete sich deshalb neben medizinischen Themen auch der gesundheitspolitischen Zukunft des Bereichs.
Warum diese Debatte für Prof. Krege mehr ist als eine Auseinandersetzung um Zuständigkeiten, zeigt der Blick auf die Patientinnen und Patienten. Angeborene und komplexe Erkrankungen des Urogenitaltrakts verschwinden nicht am 18. Geburtstag. Manche Menschen benötigen über viele Jahre spezialisierte Nachsorge, Diagnostik und weitere Behandlung.
Genau hier liegt das Problem eines Bruchs zwischen Kinder- und Erwachsenenmedizin. Wer als Kind hoch spezialisiert behandelt wurde, braucht auch später Ärztinnen und Ärzte, die diese Erkrankungen kennen. Für Prof. Krege gehört kinderurologische Expertise deshalb weiterhin in die Urologie. Es geht ihr nicht um ein Etikett für ein Fachgebiet, sondern darum, Wissen über Lebensphasen hinweg zu erhalten.
Düsseldorf konnte auch anders
Vier Tage Zukunftsfragen vertragen auch Gegenwart. Beim Eröffnungsabend im Uerige am Markt und beim DGU-Abend im Areal Böhler wurde nicht über Strukturen, DS oder CO2-Bilanzen gesprochen gefeiert, im Areal Böhler bis in die frühen Morgenstunden.
Für DGU- Präsidentin Prof. Dr. Susanne Krege endet mit Düsseldorf auch ihr Jahr an der Spitze der Fachgesellschaft. Ihr Fazit soll deshalb ihr selbst gehören:
„Dieser Kongress hat mir unglaublich viel Freude gemacht. Das gilt für die vier Tage hier in Düsseldorf, aber tatsächlich auch für die intensive Vorbereitung in den vergangenen Monaten. Besonders gefreut hat mich, wie offen und engagiert wir über die Fragen diskutiert haben, die für die Zukunft unseres Fachs wichtig sind.“

Eindrücke vom Kongress









