Die DGU Kolumne 12/2019

Autor: |Veröffentlicht am 20. Januar 2020|Aktualisiert am 31. August 2020

„Medizin ist Politik im Grossen“ -

20.12.2019....frei zitiert nach Rudolf Virchow (Original: „Politik ist Medizin im Grossen“), im 19. Jahrhundert Pathologe, Anthropologe, Prähistoriker, Ordinarius in Würzburg und an der Charité Berlin,  mit Weltruf. Er begründete mit der Zellularpathologie und seinen Forschungen zur Thrombose die moderne Pathologie.  Als Reichstagspolitiker „erfand“ er die moderne Sozialhygiene und forderte vehement die Möglichkeit einer berufsmäßigen Ausbildung zur Krankenpflege sowie die flächendeckende Einrichtung von Krankenpflegeschulen an jedem großen Krankenhaus, auch jenseits konfessioneller Anbindung, um die pflegerische Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Virchow postulierte ein verständiges Zusammenwirken von Arzt und Krankenpflege – bereits 1869, also vor 150 Jahren!

„Medizin ist Politik im Grossen“ – aktuell sind wir dabei, genau das zu vergessen.

Ja, die Zystoskopie ist unverschämt unterfinanziert.

Ja, ärztliche Leistung ist generell unverschämt unterfinanziert – in Praxis und Klinik.

Doch der Weg des Boykotts einer einzelnen Leistung – noch dazu einer, die kein Patient wirklich begehrt, weil sie unangenehm ist - gegenüber unseren Patienten führt in die Irre und setzt ärztliche Grundwerte aufs Spiel.

„Wir leben von der Zufriedenheit und dem Vertrauen unserer Patienten. Deren Basis ist unsere Souveränität, einen kranken Menschen verlässlich in all seiner physischen und psychischen Verletztheit und Verletzlichkeit tragen zu können. Wenn wir das jetzt umkehren, dass wir Ärzte bedürftig werden, nicht mehr für uns selbst einstehen und kämpfen können, die Hilfe unserer Patienten  in Verständnis und Unterschriften suchen, riskieren wir eine komplementäre Arzt-Patienten-Beziehung und unsere Unabhängigkeit, die unumstößlich zur Heilung erforderlich ist.“ (Zitat Ulrike Hohenfellner, Urologin und Psychotherapeutin in Heidelberg)

Ein Beispiel aus der Vergangenheit: 2004 gaben in drei Bezirken Niedersachsens mehr als 50 Prozent der Kieferorthopäden die Zulassung zurück. In Folge bestraften Krankenkassen und KV (!) die „Aufrührer“ - die Kollegen in den betroffenen Gebieten wurden per Gesetz sechs Jahre lang von der Wiederzulassung ausgeschlossen. Die von Neid und Häme getriebenen Kommentare der Kassenchefs erspare ich uns hier. Und die KollegInnen? Sie schauten in die Luft und zuckten mit den Schultern – business as usual, statt sich zu solidarisieren. So endete die Aktion – natürlich - als Schuss in den Ofen.

Vielleicht hilft ein Blick über den Tellerrand:

Ärztliche Honorierung bemisst sich nicht an Leistung – sonst müsste jeder Landarzt gleichviel verdienen wie der weltbekannte Transplantationspionier und beide zumindest gleichviel wie z.B. der Chef von Daimler-Benz.

Warum? Nun, der eine hält ein ganzes Dorf körperlich, seelisch und sozial gesund, der andere rettet ein einziges Leben durch den Tod eines anderen – spektakulär, jedoch für die Gesundheit einer Bevölkerung ein eher überschaubarer Beitrag; beides ist gleichwertig. Und der Daimler-Chef? Dessen Leistung besteht darin, möglichst viele Euronen bei renditegierigen Aktionären einzusammeln, um den Spieltrieb eitler – überwiegend männlicher - Wichtigtuer zu bedienen, die ihre gesellschaftliche Reputation aus dem Erwerb eines langweilig schwarzen S 600 V12 mit Vollausstattung und als Extra weißem Antilopenleder einschließlich perianaler Massagebelüftung in den handperforierten Einzelsitzen beziehen und den Aktionären damit wiederum die Taschen füllen – welch geistig unterbelichteter Nahrungskreislauf. Er bekommt dafür ein Vielfaches der wirklich wichtigen Heiler und Helfer.

Unsere seit Jahrzehnten politisch kultivierte Unterbezahlung hat nichts mit Ratio zu tun – eine  Wochenarbeitszeit von mindestens fünfzig bis zu über achtzig Stunden nähert unseren Stundenlohn ungebremst dem eines VW-Zusammenbauers mit achtundzwanzig Wochenstunden. Es geht rein um Emotion: wir zahlen damit den Preis für den unzerstörbaren Sozialneid der Politiker, die es eben nicht schaffen, ihre Abstiegsplätze im Sozial-Ranking mit Maklern und Journalisten zu verlassen – wir dagegen konkurrieren ebenso unzerstörbar an der Spitze mit Krankenschwestern und FeuerwehrleutInnen. Seid nicht traurig – wir werden eben nicht angemessen bezahlt, genießen jedoch hohes soziales Ansehen. Wozu brauchen wir dann eine S-Klasse ?

Also: lassen wir diese Spielereien mit dem Vertrauen unserer Patienten, solange wir nicht alle gemeinsam den Entscheidern klarmachen wollen, was unsere Arbeit wirklich wert ist und arbeiten weiter mit Verlust. Arzt zu sein ist eben mehr, als zu zystoskopieren.

Was hat das Alles mit Virchow zu tun? „Medizin ist Politik im Grossen“: nur eine gesunde Gemeinschaft kann von Politik profitieren – wie auch die Politiker selbst.

Wer’s immer noch nicht glauben mag, bekommt noch einen frei zitierten „Virchow“: „Bildung und Gesundheit sind die Mütter der Freiheit“. Er war Arzt und dennoch ein kluger Kopf. Jetzt ist alles klar, oder?

Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen und allen, die Ihnen im privaten und beruflichen Umfeld wichtig sind, wünsche ich mit herzlichen Grüßen vom winterlichen Sylter Strand besinnliche und friedliche Weihnachtstage sowie einen guten Übergang in ein neues Jahr mit Gesundheit, Glück, Zufriedenheit und guten Gedanken

Ihr

Wolfgang Bühmann