Es muss nicht immer die Onkologie sein – Neuro-Urologie: ein junges Fachgebiet mit guten Erfolgen!

Autor: |Veröffentlicht am 24. August 2020|Aktualisiert am 31. August 2020

Ein Gastbeitrag von Univ.-Prof. Dr. med. Ruth Kirschner-Hermanns ais Bonn

Dieses oft wenig beachtete urologische Fachgebiet liegt auf der Schnittstelle von Urologie und Neurourologie, wächst und hat gute Erfolge!
Keine sportlichen Erfolge, keine Olympiamedaille eines Querschnittgelähmten ohne eine gute Neuro-Urologie! Sie sichert das Überleben, und hat immer auch die Lebensqualität des Betroffenen im Fokus!

Der Neuro-Urologe muss ein guter Funktionsurologe sein! Alle operativen Eingriffe dienen immer dem Schutz der Nieren und/oder einer verbesserten Funktion des Harntraktes. Dies zeigt sich nicht nur im Kindesalter bei Kindern mit Spina bifida oder einer angeborenen Harnröhrenklappe, bei denen eine Refluxoperation ohne Beachtung der Blasenfunktion schnell in ein Desaster münden kann. Auch bei Patienten mit einer Parkinson und schwachem Harnstrahl führt eine Operation der Prostata ohne eine entsprechende urodynamische Evaluation schnell zur Harninkontinenz. Patienten mit MS und Harninkontinenz können gut behandelt werden – aber nicht immer operativ. Und dann gibt es spezielle neuro-urologische Interventionen von der sakralen Neuromodulation bis zur Deafferentation und Implantation eines Vorderwurzelstimulators bei komplett Querschnittgelähmten.

Jeder Patient mit hohem Querschnitt muss neuro-urologisch so geführt werden, dass eine autonome Dysregulation nicht zu schweren Komplikationen, bis hin zum Tod führen.

Der Neuro-Urologe muss Netzwerker sein und das interdisziplinäre Arbeiten lieben! Wir müssen uns mit Hilfsmitteln aller Art beschäftigen und ohne ein speziell ausgebildetes Team aus Urotherapeuten Physiotherapeuten und Sozialarbeitern ist kein Neuro-Urologisches Arbeiten denkbar.

Nicht jeder Querschnittpatient ist ein junger Patient nach einem Trauma – wir sehen auch onkologische Patienten – hier muss sehr einfühlsam mit dem Patienten eine evtl. auch palliative Versorgung besprochen werden. Und dank der guten Erfolge der Neuro-Urologie sehen wir immer mehr ältere Überlebende einer Querschnittlähmung – da sind auch geriatrische Kenntnisse gefragt.

Ein guter Neuro-Urologe muss selbstverständlich auch den neurogenen Darm verstehen und behandeln können.

Zu den neurologischen Funktionsstörungen gehören neben Blase- und Darmfunktionsstörungen auch Sexualstörungen bei Männern und Frauen– ein immer noch stark tabuisiertes Thema! Wenn es um Kinderplanung, Schwangerschaft und Geburt bei Patienten mit einer Rückenmarkserkrankung geht – dann ist enge Kooperation gefragt mit Gynäkologen, Neurologen, Rehabilitationsmedizinern, Geburtshelfern, Hebammen, Urotherapeuten – um nur einige zu nennen.

Bei Kindern mit Spina bifida – bedarf es als Neuro-Urologe eine Kooperation mit der Kinderurologie, Kindernephrologie, Kinderchirurgie und den neurologischen Pädiatern.

Kurzum Neuro-Urologie ist jung, abwechslungsreich, nie langweilig, spannend und bietet auch für wissenschaftliches Arbeiten viel Freiraum.  

Mit der Verbesserung vieler chronischer neurodegenerative Krankheiten wie etwa der MS oder dem M. Parkinson wachsen die Anforderungen an die Neuro-Urologie.