Die DGU Kolumne 11/2019

Autor: |Veröffentlicht am 20. Dezember 2019|Aktualisiert am 31. August 2020

Transplantation – wann endlich schämen wir Deutschen uns?

20.11.2019. „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ – dieses Gebot aus der Tora des Judentums (Lev 19,18) ist jedem geläufig und zumindest öffentlich bekennen alle sich dazu. Oder?

Tina Turner, weltweit einzigartige Rocksängerin, hat eine – 2017 gespendet von ihrem Mann Erwin Bach - und feiert nächste Woche ihren 80. Geburtstag; Elke Büdenbender, Deutschlands „First Lady“, bekam 2010 eine von ihrem Mann Frank-Walter Steinmeier, aktueller Bundespräsident, und nimmt unbeeinträchtigt alle ihre Verpflichtungen wahr, und Niki Lauda, dreifacher Formel-1-Weltmeister und charismatischer Unternehmer, stets auf der Überholspur des Lebens, bekam gleich zwei – die erste 1997 von seinem Bruder, die zweite 2005 von seiner Frau. Damit hat er seinen Feuerunfall von 1976 erstaunliche 43 Jahre überlebt und eine beeindruckende Lebensleistung aufzuweisen – mit bewundernswerter Disziplin und ungeachtet seiner schweren gesundheitlichen Einschränkungen.

Was eint sie? Ja, sie sind Empfänger einer Nierenlebendspende von ihren Nächsten – es gibt wohl kaum stärkere Liebesbeweise: sie retten ihren Nächsten das Leben ohne Rücksicht auf eigene mögliche Risiken – darüber hinaus schenken sie ihnen eine im Vergleich zur zwar lebenserhaltenden, jedoch quälenden Dialyse mit doch verfrühtem letalen Ausgang sehr hohe Lebensqualität.

Prominente erzeugen Aufmerksamkeit – deshalb fokussiere ich diese drei stellvertretend für alle „anonymen“ Organspender, die ihre kollektive Nächstenliebe durch ihren Organspendeausweis unbefristet dokumentieren: sie wollen einfach anderen helfen, zu über- und besser zu leben. Bravo!

Was ist passiert mit der Nächstenliebe? Warum befindet sich die Spendebereitschaft in freiem Fall, sodass unter anderem unsere letzten Past-Präsidenten Paolo Fornara und Oliver Hakenberg unablässig dafür werben müssen? Warum müssen wir über gesetzliche Normen nachdenken, die Menschen an ihre Nächstenliebe zu erinnern?

Ein paar Fakten zur Transparenz: Rund 8.000 Dialyse-Patienten warten auf eine Niere. 2018 wurden 1726 Nieren transplantiert, 5-15% sterben pro Jahr auf der Warteliste, über 50% warten länger als sechs Jahre - damit sind wir wieder auf dem Niveau von 2013, als der „Skandal“ durch die Presse ging, der retrospektiv keiner war, weil kein Organ verlorenging oder „verkauft“ wurde.  Deutschland steht im Vergleich der Mitgliedsländer von Eurotransplant mit nur 9,7 postmortalen Organspendern pro einer Million Einwohner an letzter Stelle und international, hinter dem Iran und vor Rumänien, auf Platz 30. Die Spitze markiert das katholisch dominierte Spanien mit 44  – an religiösen Bedenken kann es somit nicht liegen.

Deutschland hat als einziges Land die Entscheidungslösung – jeder Spendenwillige muss aktiv seine Bereitschaft dokumentieren, andernfalls fällt er als Spender aus. Alle anderen Länder favorisieren die Widerspruchslösung: wer nicht aktiv widerspricht, stimmt einer Organspende zu. Selbstverständlich bleibt damit das Selbstbestimmungsrecht uneingeschränkt erhalten – und das ist gut so. Gleichgültigkeit, Trägheit, Gedankenlosigkeit werden damit als Hürden gegen eine Spende eliminiert.

Die maximale Sicherheit der Hirntod-Bedingung in Deutschland befreit von der irrationalen Angst vor Vivisektion – wenn sie auch unnötig kompliziert ist. In anderen Ländern genügt der Herztod als Kriterium.

Tatsächlich hat eine bundesweite Repräsentativbefragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Mitte 2017 ergeben, dass 58 Prozent der Befragten sich für Organ- und Gewebespenden entschieden und dies auch Familie oder Freunden mitgeteilt hätten. Nach der Umfrage stehen 81 Prozent der Bevölkerung der Organ- und Gewebespende positiv gegenüber. Nur 17% haben schriftlich, 25% mündlich ihren Willen erklärt, alle wünschen sich jedoch ein Organ, wenn sie selbst betroffen sind…Psychologen nennen das kognitive Dissonanz: eigentlich möchte ich, finde jedoch Gründe, es doch nicht zu tun.  Keiner möchte frieren und freut sich über den halben Mantel vom heiligen St. Martin, umgekehrt gilt das jedoch nicht. Sind wir Deutschen wirklich so unmenschlich?

Es gibt jedoch auch eine dunkle Seite im System: in vielen der gut 1200 deutschen Entnahmekliniken ist Organspende weiterhin ein fakultatives Sonderereignis, das mit hohen Kosten und der Bindung intensivmedizinischer Kapazitäten einhergeht. Bis zur Organentnahme muss der Verstorbene weiter versorgt werden, um seine Organe am Leben zu halten. Selbst die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken, die mögliche Organspender erkennen sollen, müssen ihre Aufgaben vielfach zusätzlich erledigen. Bislang werden sie dafür nur in Bayern verbindlich und klar definiert von anderen Tätigkeiten freigestellt. Bei Rahmenbedingungen, die den Kliniken nicht zumindest Kostenneutralität bieten, ist es wenig überraschend, wenn längst nicht jeder potenzielle Organspender gemeldet wird.

Kürzlich wäre beinahe ein Spenderorgan verlorengegangen, weil keine Schwester verfügbar war, den Empfänger in den OP zu schieben – unfassbar, aber wahr.

Jeder zusätzliche Patient, den eine Schwester auf der Intensivstation zu versorgen hat, erhöht die postoperative 30-Tage-Mortalität um 7 % - rechnen wir das einmal für zwei oder drei Patienten, weicht akut die Farbe aus dem Gesicht.

Das im Gesundheitswesen mit Abstand reichste Land der Welt lässt es zu, dass Menschen sterben, weil es nicht gelingt, Bürger an ihre Menschlichkeit zu erinnern und verfügbare Organe mit einer komplexen, jedoch nicht wirklich herausfordernden Logistik zu transplantieren?  Pfui, schäm‘ Dich, Deutschland!

Das will ich nicht glauben, weil es in Ländern mit einem Bruchteil der Ressourcen geschmeidig funktioniert.

Was nun? Schalter im Kopf umlegen, liebe Politiker, Transplantationen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe aus dem lähmenden GKV-System herauslösen und aus dem prall gefüllten Steuersäckel unbudgetiert nach Bedarf finanzieren, Schwestern und Ärzten zeitlich und finanziell angemessene Arbeitsbedingungen einräumen. Gebt Eure ahnungslos-dilettantische Stabführung an die Ärzte ab, die wissen, wie man ein Transplantationsorchester zum harmonischen Musizieren bringt - JETZT.

Und wir - haben hoffentlich alle einen Spenderausweis bei uns?  Überzeugen wir jeden Patienten, welch gutes Gefühl Nächstenliebe ist – für alle, mithin auch für ihn selbst. Dann löst sich das Spenderproblem wie von selbst.

Bevor jemand eventuell auf schräge Gedanken kommt: meinen ersten Spenderausweis habe ich nach Abschluss des Anatomie-Präp-Kurses vor 41 Jahren handschriftlich erstellt und bei Geburt unseres jüngsten Sohnes vor 15 Jahren in ein „ordentliches“ Formular umgewandelt.

Ein praktischer Tipp noch: ein Freund von mir hat sich seine Erlaubnis mit Original-Unterschrift auf den linken Hemithorax tätowieren lassen. Sein Argument: dort schauen Ärzte mit Sicherheit hin – bei einer Reanimation ebenso wie bei einer Leichenschau, ohne im Portemonnaie, im Tresor oder beim Notar suchen zu müssen; das spart wertvolle Zeit und befreit von langwierigen Abstimmungsprozessen. Gute Idee, finde ich.

Noch Fragen? Nein? Fein! Dann müssen wir uns doch nicht schämen – ein gutes Gefühl.

Herzlich
Ihr

Wolfgang Bühmann