Die DGU-Kolumne 02/2021

Autor: |Veröffentlicht am 20. März 2021|Aktualisiert am 20. März 2021

Wozu überhaupt Sex – Irrweg der Evolution?

20.02.2021. Fremdbestimmt eröffnen sich derzeit abseits des Alltagsrhythmus ungeahnte Zeitressourcen, die ganz unterschiedlich genutzt werden: für stumpfe Kritik an anderen und Selbstmitleid auf hohem Niveau, weil das selbstverständliche Luxusdasein minimale Dellen bekommt. Sie könnten jedoch auch Chancen zu  ergänzenden Perspektiven auf das eigene und gesellschaftliche Leben bieten – mit urologischer Kontamination, selbstverständlich: Weitgehende Einigkeit weltweiter Wissenschaft scheint darin zu bestehen, dass der existentielle Zweck aller Wesen auf der Welt einzig in der Fortpflanzung zur Arterhaltung besteht. Evolutionär betrachtet scheint Sex auf den ersten Blick ziemlich unsinnig zu sein: Man benötigt dazu gleichgesinnte Partner*innen — die wollen erst einmal gefunden sein. Man riskiert, sich dabei mit Krankheiten anzustecken. Wenn es nicht bei einem Mal bleibt, stellen sich automatisch auch die Risiken und Nebenwirkungen täglicher Adaptation unterschiedlicher Lebensentwürfe ein.

Bei der Ausführung ist man für Angreifer — bei manchen Tierarten übrigens auch den Partner respektive die Partnerin — leichte Beute. Und man verliert Zeit und Gelegenheit, Nahrung zu sammeln. Dennoch hat sich die sexuelle Fortpflanzung durchgesetzt. Wieso sie sich trotz ihrer Absurdität über die Zeiten hat halten können, glauben Wissenschaftler der Universitäten in Göttingen und Amsterdam herausgefunden zu haben.
Demnach ist die Ursache in der Einwanderung von mitochondrialen Elementen in eukaryotische Zellen vor rund zwei Milliarden Jahren zu suchen: neben Energie erzeugen die Mitochondrien in den Zellen große Mengen reaktiver Sauerstoffspezies, die Schäden an der DNA verursachen können. Um solche negativen DNA-Mutationen eliminieren zu können, hat sich als Alternative zur Mitose der Mechanismus der Meiose entwickelt. Die haploiden Produkte der Meiose lassen sich nämlich leichter ausselektieren. Doch um wieder zu einem kompletten Chromosomensatz zu gelangen, war fortan eine Paarung nötig. Das mag nicht sonderlich sexy klingen, dennoch könnte es der Grund sein, weshalb der Sex in die Welt kam und dort blieb (Quelle: R.Bublak).

Empfinden Sie diese simple, wissenschaftlich evidente Erklärung ebenso romantisch-erotisch wie ich ? Fein.

Daraus ergeben sich bei weiterer Reflexion folgerichtig weitere Fragen, z.B., warum die Natur für dieses zum Überleben jeder Art elementar wichtige Verfahren ein derart komplexes System  komplizierter biochemisch-emotionaler Regelkreise mit erheblicher Störanfälligkeit, Risiken und Nebenwirkungen entwickelt hat. Nach den üblichen Regeln maximaler Effizienz und Elimination von Sollbruchstellen würden die aktuell zunehmend bekannten Vermehrungsprozesse von Viren, Bakterien, Seegurken und Oktopussen völlig ausreichen.

Über die seltsamen Verirrungen  der angeblichen „Krone der Schöpfung“, ihre Art zu erhalten, kann sich jedes Virus nur spöttisch amüsieren: die immerwährende Dysbalance beidgeschlechtlicher Sexualhormone, die nur im Akt der Zeugung/Empfängnis leidlich kongruent funktionieren, führt im überwiegenden Zeitfenster des Zusammenlebens viel zu oft eher zu Disharmonien und nachhaltigen zwischenmenschlichen Konflikten. Frauen unterliegen testosterongetriggertem männlichen Pfauengehabe mit kontaproduktiven Aggressionen bis hin zu häuslicher Gewalt gegen die Familie und absurden gleichgeschlechtlichen Kompensationsgebärden wie Kegelclubs, Schützenvereinen, Golfspielen, Drachenfliegen sowie multifaktoriellen Alibis für Alkoholgenuss in facettenreichen Spielarten. Männer dagegen haben erheblichen Wissensbedarf hinsichtlich weiblicher Sexualität, die sich im Gegensatz zu „seiner“ Auffassung nicht primär nach sechsminütigem Vollzug des Geschlechtsaktes als Höhepunkt sexuellen Erlebens sehnt, um dann direkt nach dem Orgasmus per Fernbedienung die Sportschau einzuschalten – die Zigarette danach ist ja längst gesellschaftlich geächtet und politisch unkorrekt.

Daraus resultieren nicht nur Sprachlosig- und Eintönigkeit in der Beziehung, sondern auch eher kontraproduktive promiskuitive Tendenzen, statt miteinander in den Dialog zu treten. Nicht zuletzt entstehen aus der hormonellen Inkompatibilität gesellschaftliche Mikro- wie Makrodissenzen bis zu religiös, politisch oder anders unsinnig begründeten, in jedem Falle unmenschlichen Kriegen mit Millionen gegenseitig geopferter Leben.
Genau deshalb werden wir Viren niemals „kontrollieren“ können: der Mensch ist viel zu dumm, deren ebenso einfache wie erfolgreiche Überlebensstrategien zu begreifen. Sie brauchen nur einen Wirt, und dieser Wirt lernt einfach nicht, durch einfache Kontaktbeschränkung dem Virus die Lebensgrundlage zu entziehen – die Pest wurde im Mittelater weder durch eine App noch durch politische Hilflosigkeit besiegt, sondern durch Ehrlichkeit; nachzulesen im gleichnamigen Buch von Albert Camus. Neben einer Impfung benötigen wir vor allem die konsequente Nutzung des theoretisch vorhandenen Verstandes.

Sollte das wider Erwarten irgendwann gelingen, dürfen wir diesen gerne für die Episoden gemeinsamen sexuellen Genusses ohne Reue abschalten – und die Fortpflanzung zur Arterhaltung wird kollateral dabei „abfallen“.
Dazu ein einfacher Merksatz: „Make love, peace and – moin* !“ (*friesisch für: „ willkommen“ et al.)

Herzlich

Ihr

Wolfgang Bühmann