Die Uro-Kolumne 05/2021

Autor: |Veröffentlicht am 21. Juni 2021|Aktualisiert am 21. Juni 2021

Prävention – eine (un)menschliche Geschichte

20.05.2021. Als Dalai-Lama gefragt wurde, was ihn am meisten an der Menschheit verwundert, antwortet er: „Der Mensch. Er opfert seine Gesundheit, um Geld zu verdienen. Wenn er es hat, opfert er sein Geld, um seine Gesundheit zurückzuerlangen. Und er ist so auf die Zukunft fixiert, dass er die Gegenwart nicht genießt. Das Ergebnis ist, dass er weder die Gegenwart noch die Zukunft lebt. Er lebt so, als ob er nie sterben würde und schließlich stirbt er, ohne jemals richtig gelebt zu haben.“

Um die volle Tragweite dieses Zitates ermessen zu können, gilt es, ein paar Begrifflichkeiten zu klären, weil auch unsere „Amtspostille“, das Deutsche Ärzteblatt, den Begriff „Vorsorge“ inflationär und wenig sprachsensibel munter verschwurbelt.

Das, was wir gemeinhin mit „Vorsorge“ verwechseln, ist keine: PSA, DRU, Mammographie und Hautkrebsscreening sind mitnichten Vorsorgeuntersuchungen, sondern gehören zur Früherkennung, um potentiell lebensbegrenzende oder lebensverschlechternde Krankheiten möglichst rechtzeitig zu detektieren.

Vorsorge oder primäre Prävention wäre eher der anhaltende Verzicht auf genussvollen Lebensstil – kein(e) tägliche Schwarzwälder Kirschtorte oder regelmäßiger Konsum von Kartoffelchips, lauwarmer Cervisia, vergorenen Traubensäften und Tabak in verschiedenen Formulierungen zum Beispiel - mit dem Ziel, Diabetes mellitus, KHK, Hypertonie, cerebrovaskuläre Insulte usw. zu verhindern.

Stattdessen kann man täglich Zeit aufwenden, durch Joggen seine kardiovaskuläre Belastbarkeit zu erhalten, um dann mit 60plus herzgesund mit multiplen Arthrosen aufgrund biologisch ungeplanten Gelenkverschleisses sein Leben mit Implantaten, am Rollator oder im Rollstuhl fortzusetzen. Bis heute fehlt übrigens die Evidenz des Lebenszeitgewinnes als Kompensation für die Monate/Jahre der Waldläufe oder Selbstkasteiung in schlechter Luft von „Gym’s“. Soweit, so gut.

Wir sollten unsere „Vorsorge“ korrekt in „Früherkennung“ oder „sekundäre Prävention“ umwidmen, um Missverständnisse zu vermeiden.

Nebenbei ist es übrigens falsch und durchaus irreführend, wenn wir vollmundig z.B. die mittlerweile über 70.000 jährlichen PCA-Neuerkrankungen postulieren. Wir sind lediglich durch detailliertere Diagnostik befähigt, immer mehr davon zu erkennen. Es sollte zumindest Urolog*innen bekannt sein, dass bei geplanten oder zufälligen Obduktionen 90jähriger Männer die meisten ein Prostatakarzinom aufweisen, ohne dies je gemerkt zu haben – die Dissonanzen der Überdiagnostik und möglicher Überbehandlung zumindest sind einhellig unbestritten.

Älter werden ist die einzige Chance, länger zu leben. Da frage ich mich als bekennender Kulinariker, warum wir trotz angeblich gesundheitlich kontraproduktiver Fettlebe kollektiv zum Todeszeitpunkt ein immer höheres Lebensalter aufweisen. Der Wert der Lebenszufriedenheit mit defekten Extremitäten bei Idealgewicht im Tode ist meiner Kenntnis nach noch nicht valide untersucht – ebensowenig wie mit Übergewicht und gesunden Gelenken, ganz unabhängig von einem insignifikanten Prostatakrebs. Die Frage, ob jemand nach asketisch-entsagender oder opulent-ausschweifender Lebensweise ableben möchte, bleibt selbstverständlich dem individuellen Ideal vorbehalten. Fest steht, dass niemand von uns hier lebend rauskommt.

Zurück zum Dalai-Lama: er legt deutlich seinen weisen Finger in die Wunde. Wir eifern jenseits abgeschlossener Schulbildung nach Maximierung materieller Götzen wie Haus, Traumauto und berufliche Reputation zur Befriedigung unserer Profilneurose – ohne Rücksicht auf unsere somatische wie psychische Gesundheit. Wenn wir den Zenit erreicht haben, geben wir die Kohle – ob sinnvoll oder nicht – dafür wieder hin, um den Raubbau an uns selbst zu kompensieren. Irgendwann stellen wir fest, dass das auch unter Inanspruchnahme ärztlicher Ikon*innen nicht wirklich funktioniert. Und nun?

Klares Fazit: Selbstzweifel und Reflektion sind ausdrücklich erwünscht und – es macht durchaus Sinn, die einfachen wie weisen Botschaften asiatischer Philosophen hier und da zu würdigen, statt elektronisch verkabelt mit Ohrhörern und geringklassiger Musik unter ständiger Beobachtung des Schrittzählers und der Pulsfrequenz geistlos durch die Gegend zu hetzen – cave: zeitweise lauern Bananenschalen am Boden. Der Mensch ist biologisch eher gesellig determiniert – Zeit mit der Familie oder Dialoge mit interessanten Mitwesen sind als mögliche Alternativen nicht zu unterschätzen. Was ist „menschlicher“?

Wählen Sie weise.

Ich wünsche Ihnen einen – wie auch immer – genussreichen Sommer mit guten Gedanken.

Herzlich

Ihr

Wolfgang Bühmann