Urologischer Praxisalltag in Zeiten der Corona-Pandemie

Dr. med Kathrin Stein

Niedergelassene Urologin in der Hansestadt Rostock.

Autor: |Veröffentlicht am 28. Mai 2020|Aktualisiert am 29. Mai 2020

Ein Gastbeitrag von Dr. med. Kathrin Stein aus Rostock

Sie spricht sicher vielen Kolleginnen und Kollegen aus der Seele: Dr. med. Kathrin Stein, niedergelassene Fachärztin für Urologie und Uroonkologie aus Rostock, gibt einen Einblick in Ihren Praxisalltag zu Coronazeiten und schildert die Sorgen und Nöte Ihrer PatientInnen. Ein alarmierender Bericht!

28.05.2020. 
Ende Mai kommt die Meldung, dass der Bundesgesundheitsminister erstaunt und besorgt ist, dass kranke Menschen zurzeit nicht zum Arzt gehen, aus Angst sich zu infizieren. Aber das ist doch nur das traurige Ende der Geschichte. Jeden Tag erlebe ich meiner Praxis verzweifelte Menschen, die Operationen nicht bekommen, bei denen eine benötigte Radiatio auf unbestimmt verschoben wird und palliative Chemotherapien nicht weitergeführt werden. PatientInnen sind verzweifelt und ich kann sie so gut verstehen. Wie würde ich mich fühlen, wäre ich an ihrer Stelle? Auch ich wäre verzweifelt, obwohl ich wahrscheinlich mehr Hintergrundwissen und Fachwissen habe.

Ich kann nachvollziehen, dass eine nötige Steintherapie verschoben wird, auch eine DK-pflichtige BPH muss auf die nötige TUR-P warten, nicht schön, aber verständlich. Doch auch die leitliniengerechte Nachresektion wegen eines oberflächlichen Urothelkarzinoms der Harnblase steht auf einer Warteliste. Ich werde unruhig, kann dann die Patientin beruhigen und auf eine spätere Operation vertrösten: wird schon nichts passieren… . Doch mir persönlich wird innerlich mulmig. Ich telefoniere mit den umliegenden Krankenhäusern und kann nicht glauben, was ich da höre. Da werden statt in drei Operationssälen nur noch in einem operiert. An kleineren Häusern sogar tageweise gar nicht. Und der Grund ist immer wieder; die Betten müssen für mögliche Corona-Patienten frei bleiben, die ITS- Betten werden für mögliche COVID-19 PatientInnen benötigt. Ich lasse mich belehren und zurechtweisen: „Es gäbe zur Zeit dringendere Probleme, auf 1 oder 2 Wochen käme es jetzt bei solchen Eingriffen nicht an, bald wird alles wieder normal“.

Ich muss es akzeptieren, habe keinen Einfluss und muss meine Patienten beruhigen. Doch dann kommt ein Patient zu mir, den ich noch nie behandelt habe und bittet händeringend um die Weiterführung seiner Chemotherapie mit Taxotere, da diese in einer Tagesklinik eines Krankenhauses nicht mehr durchgeführt wird. Es kommt eine Patientin mit einem sehr großen Nierentumor (9cm im Durchmesser, nicht metastasiert), die in einem peripheren Krankenhaus weggeschickt wurde und auf eine Warteliste gesetzt wurde. Und ich verstehe es nicht mehr. Ich schreibe einen offenen Brief an eine Klinikleitung und er wird nicht beantwortet. Wer kümmert sich um diese PatientInnen? Es kommt ein älterer Patient in mein Zimmer und erzählt, dass seine Radiatio bei einem stanzbioptisch gesicherten Adeno-Ca der Prostata auf unbestimmt verschoben sei. Würde es mich betreffen oder meine Angehörigen, ich würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, damit operiert, bestrahlt oder Chemotherapie gegeben wird. Aber diese PatientInnen haben zur Zeit keinen Fürsprecher. Wer garantiert diesen Menschen, dass in der Wartezeit keine gravierende Verschlechterung ihrer Tumorsituation eintritt? Statistiken? Studien? Da fällt mir ein Sprichwort ein: Der See war im Durchschnitt 1m tief, und trotzdem ist die Kuh ertrunken.  Wer möchte diese Kuh sein? Ich nicht!

Wir kreiseln täglich um Infektionszahlen, wissen genau wie viele Menschen in welchem Bundesland erkrankt sind, sind „live“ dabei, wenn die Infektionswege entdeckt werden und kennen jeden „Hotspot“ in Europa. Aber, die die dabei vergessen werden, die keine adäquate Behandlung mehr erfahren, die nicht mehr leitliniengerecht behandelt werden, die sieht kaum noch einer.

Die Gründe kennen wir alle, und diese Gründe sind nicht immer selbstlos. Leere Betten, die trotzdem Geld bringen, sind lukrativ und einfach zu betreuen, dabei noch Überstunden abbauen zu können ist eine „win win Situation“. Keiner wusste ja, was auf uns zukommen wird.

Jetzt sind 10 Wochen um und langsam trauen sich wieder mehr PatientInnen in die Praxen. Und da kommt heute eine Patientin zu mir, die seit 8 Wochen Makrohämaturie hat und alleine lebt und aufgrund der Situation sich nicht getraut hat in eine Arztpraxis zu gehen. Der Tumor ist groß und in den letzten Wochen sicher durch das Warten nicht kleiner geworden.

Wir wissen nicht, wer noch so alles nicht zum Arzt geht und damit keine vernünftige,  gute und rechtzeitige Diagnostik und Therapie erfährt.

Alles nur harmlose Kollateralschäden? Mitnichten, weshalb nun endlich die PatientInnen aufgerufen werden, wieder in die Praxen zu kommen und Kliniken zum Regelbetrieb zurückkommen sollen. Dass sich unsere Fachgesellschaft schon im März auf dem Höhepunkt der Krise öffentlich dafür eingesetzt hat, dringlichen urologischen Patienten, ihr Recht auf eine angemessene Versorgung nicht zu verwehren, war ein früher Weckruf an die Politik!

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