Die DGU-Kolumne 8/2019

Die neue DGU-Kolumne

Schwarz-weiß trifft es selten, in der Regel braucht es eine differenzierte Meinung, gerne auch eine Prise Humor und manchmal muss der Daumen in die Wunde – auch in der Urologie. Deshalb spitzt Dr. Wolfgang Bühmann in der „DGU-Uro-Kolumne“ neuerdings den Stift und nimmt in dieser neuen Rubrik des Urologenportals regelmäßig aktuelle Themen ins Visier.

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Dr. med. Wolfgang Bühmann
Facharzt für Urologie - Andrologie
Med.Tumortherapie - Qualitätsmanagement

Terpstig 55, 25980 Sylt OT Morsum
Tel.: 04651-8364818, Fax 04651-8364836
 E-Mail: post(at)urologie-sylt.de

Autor: |Veröffentlicht am 20. September 2019|Aktualisiert am 20. September 2019

Die ultimative Sau im Dorf: endlich individualisierte Medizin!

Dr. med. Wolfgang Bühmann

20.08.2019. Mein Großvater hatte es gut – vor genau einhundert Jahren: Von 1919 bis 1953 war er als Chirurg, Urologe und Gynäkologe Chefarzt der Chirurgischen Klinik meines Heimatkrankenhauses. Deswegen?

Nein – er durfte seine Patienten mit individualisierter Medizin beglücken; mit seiner Empathie, Empirie und Evidenz, zugegeben nicht auf S3plus-, sondern S0-Niveau seiner Eminenz. Er konnte weder intraoperativ im Sessel vor dem Fernseher an der Joystick-Konsole farbmarkierte Schnittränder identifizieren noch Wunden hektisch mit dem Tacker verschliessen – er beugte seinen stattlichen Bauch über die Patienten, schnitt mit dem umweltfreundlich dampfsterilisierbaren Metallskalpell und nähte mit Nadel und Faden – ohne ökonomisch getriggerten Druck einer unwürdigen Schnitt-Naht-Zeit. Dessen ungeachtet gab es wenig Tote durch seine leitlinienfreie Arbeit. Anachronistisch? Mag sein.

Dafür verehrten ihn seine Patienten, brachten ihm in der „schlechten Zeit“ Brot, Gänse und Wurst nachhause, nachdem er dem tausendjährigen Reich sein nicht unbedeutendes Vermögen als Staatsanleihe kreditiert und verloren hatte, obwohl er weder Parteimitglied noch Sympathisant war – nur schlechter Kaufmann, was Ärzte früher ausgezeichnet hat.

Des GröFaZ (Legende siehe Wikipedia) Gauleiter wollte ihn seiner Position entheben, weil er sich hippokratisch geweigert hat, Juden zwangsweise zu sterilisieren. Die Kreisbevölkerung protestierte gegen den braunen Sumpf, um für seinen Verbleib einzutreten: Er konnte nach einem für das System gesichtswahrenden Schauprozess seine Funktion behalten. Das war nicht nur Ausdruck einer sehr erfolgreichen und besonderen Arzt-Patienten-Beziehung, sondern nicht zuletzt Ergebnis individualisierter Medizin. Genug meiner nostalgisch-sozialromantischen Home-Story – zum Thema:

Warum auch immer, verbreitet sich seit über zwanzig Jahren der hochinfektiöse Leitlinien-Virus endemisch mit ähnlicher Virulenz wie Masern oder Varizellen. Als zweifelhaftes Ziel vermute ich den Wunsch, durch Normierung des Patienten  potentielle ärztliche Fehleinschätzungen und Haftungsrisiken zu vermeiden und die optimale Therapie mittels gedankenarmer Eingabe von Patientendaten in eine expertendefinierte Matrix zu generieren.

Vorläufige urologische Krönung bildet die durch exorbitante menschliche Ressourcen entstandene Leitlinie unserer Lieblingserkrankung mit inclusive der Evidenztabellen eintausenddreihundertzweiundfünfzig Seiten, die - bei allem Respekt – nicht einmal ihre ehrenvollen Komponisten komplett präsent haben (können) und die schon vor ihrer Finalisierung der Korrektur bedurfte.

Sie ist deutlich umfangreicher als von hochkompetenten Autoren verfasste, aktuelle, evidenzbasierte Lehrbücher der gesamten Urologie und schlägt in Seitenzahl Thomas Mann’s epochales, vierbändiges Werk „Joseph und seine Brüder“, das immerhin eintausendreihundertvierundvierzig Seiten umfasst – wow! Kommentar meines bisher unverdorben Medizin studierenden Patenkindes: „Die haben doch nicht alle Nadeln an der Tanne“ – Hybris oder Augenmaß?

Was tue ich als Urologe, wenn mein Patient nicht in das Korsett der akribisch detaillierten Leitlinie zu biegen ist? Ich muss meine Grundwerte einsetzen: immer wieder Empathie und Empirie mit dem Risiko, dass ein Patient durch nicht leitlinienkonforme Behandlung sechs Wochen kürzer lebt, ich ihm jedoch durch Verzicht auf wahrhaft morbisierende, quälende, S3-„legitimierte“ Chemotherapie eine höhere Lebensqualität ermögliche. Leitlinien sind ein Baustein, ein Helfer, eine Orientierung, unter anderem für Kollegen, die „zuviel Zeit auf dem Golfplatz verbringen“ (Zitat Propeller-Karl) – nicht weniger, jedoch auch nicht mehr.

Es winkt Rettung: initial durch die Erkenntnis, dass die reine Lehre der „randomized-controlled-trial“-Medizin mit Entdeckung der Versorgungsforschung wohltuende Ergänzung erfährt, indem wir merken, dass  Patienten zu oft nicht in das Phase-III-Schema passen und im richtigen Leben einer arztinduzierten Anpassung ihrer Behandlung bedürfen.

Nächste Stufe der Morgenröte ist der Asteroid mit dem Namen „Individualisierte Medizin“, der vor kurzer Zeit in die erstarrende Leitlinien-Euphorie einschlug und hoffentlich zum neuen Credo unserer Arbeit wird. Endlich dürfen wir die Patienten wieder angemessen individuell betrachten und behandeln – auf der Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse genbasierter Therapieoptionen, um dadurch Chancen auf primäre Prävention zu gewinnen: Der beste Arzt ist der, der sich überflüssig macht.

Schweine sind kluge, sensible, sympathische, vor allem authentische Wesen – mithin sollten wir über ein neues Maskottchen nachdenken: eine freundliche Sau mit einer Bauchbinde und der Aufschrift: „Individualisierte Medizin“, die wir vernehmlich in das urologische Dorf einladen.

Opa schmunzelt von oben: Manchmal brauchen die Kollegen etwas Zeit, und was sind schon einhundert Jahre für Menschen und Medizin – nicht mehr als ein Wimpernschlag?  Sein Kommentar: „Herr, vergib ihnen, was sie getan haben  –weiter auf diesem humanen Weg!“        

Herzlich

Ihr
Wolfgang Bühmann