Die DGU-Kolumne 08/2020

Autor: |Veröffentlicht am 19. September 2020|Aktualisiert am 19. Oktober 2020

Wird die Urologie weiblich? Frauen sind anders – Männer auch.

20.08.2020. Hat Covid19 sich eventuell heimlich unserer Hirne bemächtigt, oder stecken wir in einem so tiefen Sommerloch, das Thema als innovative Sensation zu entdecken?

Seit der Deutschstunde in der Schule wissen wir hoffentlich, dass „die“ gemeinhin als weiblicher Artikel konsentiert ist, oder? Heißt es „der Urologie“ und „der Medizin“? Beides war schon vom Wortstamm her historisch stets weiblich.

Schon werde ich wieder seriös: Zu Beginn meiner urologischen Ausbildung an einer norddeutschen Universitätsklinik vor 35 Jahren bestand der „akademische Körper“ bereits zu 25% aus Frauen. Vielleicht waren das sogar alle weiblichen Urologen in Deutschland, und „Gender“ war noch nicht das deutsche Wort des Jahres. Es lag auch nicht daran, dass unser Ordinarius der Bruder des seinerzeit führenden Sexualaufklärers war. Er hatte lediglich keine Vorurteile und nicht vergessen, dass der Augustiner-Abt und Naturforscher Gregor Mendel vor 150 Jahren die genetische Überlegenheit der weiblichen Honigbiene gegenüber der männlichen beweisen konnte. Biologie ist durchaus hilfreich. Somit war für ihn selbstverständlich, dass Frauen mindestens so gute Urologinnen werden wie die xy-chromosomalen Mitbewerber.

Höhere Sensibilität, Empathie, Intelligenz, manuelles Geschick, soziale Kompetenz und das nicht erklärungsbedürftige „Das Unbeschreibliche, hier ist’s getan; das Ewig- Weibliche zieht uns hinan" (Goethe, Faust II, Finis) belegen die mindestens gleichwertige weibliche Qualifikation in allen Lebensbereichen. Da sollte die Urologie keine gestrig-peinliche Ausnahme bilden.

Frauen haben weder Angst vorm Penis noch vor der Prostata, wie wir aus dem richtigen Leben wissen - und mit Urin gehen sie viel enthusiastischer und gelassener um als Männer, wenn ihnen z.B. ein Baby aus purer Freude auf den Schoß strullt.

Ja, verehrte Kolleginnen, Ihre Schelte, ich möge Sie nicht mit kaltem Kaffee langweilen, nehme ich gerne an. Meine nachhelfenden Ausführungen richten sich ausnahmsweise – nicht zuletzt – an unsere männlichen Kollegen.

Faktencheck: Die Historie ist etwas verwaschen - Dorothea Christiane Erxleben gilt als erste (1754) promovierte deutsche Ärztin und eine Pionierin des Frauenstudiums, mit Sonderzulassung durch Friedrich den Großen.

Emilie Lehmus und Franziska Tiburtius waren die ersten deutschen Medizinstudentinnen Zürichs und erste Berliner Ärztinnen im Jahre 1876, Ida Democh aus Statzen in Ostpreußen war gerade 24 Jahre alt, als sie als erste Frau in Deutschland 1901 an der Universität Halle das medizinische Staatsexamen ablegte.

Offiziell wurden Frauen in Deutschland erst 1908 zum Medizinstudium zugelassen

Heute gibt es 191685 berufstätige Ärztinnen = 42,7% von 402 000. Die Fächer mit dem höchsten Frauenanteil sind die Allgemeinmedizin (20 143 Ärztinnen), die Innere Medizin (18 106) und die Gynäkologie (11 668), die Urologie 1200 (von 6.200) = 19,2 %, also deutlich weniger als in meiner Brutstätte vor 35 Jahren.

Da besteht also deutlich Luft nach oben.

Der Nachwuchs gibt übrigens Vollgas: Die medizinstudierenden Damen sind mit 60% auf der Überholspur.

Und nun? Klar ist es eine gute Idee, unser Fach mit all seinen spannenden Facetten an die jungen KollegInnen heranzutragen. Quoten? Sackgasse – das führt zu frustrierten Männern und desinteressierten Frauen.

Vorschlag: Das Fach attraktiv darstellen, vor allem jedoch, die Menge an zu leistender Arbeit definieren und zügig Modelle entwickeln, wie diese Arbeit als Frau/Mann/Paar/Familie mit/ohne Kinder(n) balanciert geleistet werden kann.

Das übrigens würde ich gerne Frauen überlassen, die in multifunktionaler Organisation einfach besser sind.

Und jetzt kommt Konfuzius (etwa 500 vor Chr.) mit dem ihm zugeschriebenen Wort: „Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten.“ Das übrigens hätte ebenso von einer Frau stammen können.

Wenn wir uns das zueigen machen, kann nichts mehr schiefgehen – und die überflüssige Frau/Mann Diskussion löst sich von selbst. Dafür ist unser Beruf viel zu schön.

Sollte das noch nicht deutlich geworden sein: Gerne „oute“ ich mich als männerverstehender Feminist – im Beruf wie in allen Lebensbereichen. Männer sind und bleiben nun einmal melancholische Spielkälber und – wie wir Norddeutschen sagen – Daddelköppe.

Nicht ohne stilles Vergnügen genieße ich – verehrte Kolleginnen – nun Ihren Applaus und halte die Pfiffe der Kollegen locker aus.

Frauen sind anders – Männer auch; na und? Das ist gut so.

Herzlich

Ihr

Wolfgang Bühmann