Die DGU-Kolumne 12/2020

Autor: |Veröffentlicht am 20. Januar 2021|Aktualisiert am 20. Januar 2021

Die Patient*innen stehen im Mittelpunkt…!???

20.12.2020. Patient*innen werden krank. Um deren Behandlung kümmern sich Ärzte*innen. In dieser ebenso einfachen wie umfassenden Hinsicht möchte ich als Kranker in keinem anderen Land leben als in Deutschland – auch unabhängig von Covid19.

Wir haben mit einigem Abstand das weltweit beste Gesundheitssystem – nirgends ist für alle, unabhängig von persönlichen Umständen, der Zugang zu hochwertiger Versorgung sozial vergleichbar ausgewogen möglich. Alle bekommen Hilfe bei einer banalen Erkältung, alle bekommen auch ein neues Herz – die Hürde ist nicht etwa mangelndes finanzielles Vermögen, sondern ausschließlich die Bereitschaft möglicher Organspender*innen.

Hier kann niemand Organe kaufen oder „bessere“ Behandlung, nur ggf. ein Einzelzimmer mit schönerer Aussicht und höherwertige Verpflegung – das ist im besten Sinne sozial und ein deutsches Alleinstellungsmerkmal: gut so!

Das „duale“ System aus gesetzlicher und privater Versicherung ist dennoch bis heute eine unverzichtbare Zwangsehe ohne jede amouröse oder gar erotische Basis. Warum? Die Krankenkassen veruntreuen nach ihrem Gusto dauerhaft das zweckgebundene Vermögen der Versicherten, was durch Quersubvention aus der Privatversicherung kompensiert werden muß – deswegen wird die immer teurer. Andernfalls wären Krankenhäuser und Praxen kollektiv pleite, mit einer Bürgerversicherung käme der Konkurs noch schneller - Evidenz bei Bedarf vom Verfasser.

Ja, korrekt – das ist ziemlich faules Fallobst, sprich kollektives Systemversagen einer völlig dekompensierten, unheiligen Allianz aus Krankenkassen, Politik und Selbstverwaltung im Gesundheitswesen.

Dazu ein paar Fakten: ein Mensch wird krank. Er findet in Deutschland eine Ärztin/einen Arzt seines Vertrauens und/oder eine gute Behandlung im Krankenhaus – gäbe es nicht die Tarantula der Administration. Sofort beginnt das Gezerre um die Kosten, die er verursacht: darf er nur ambulant, tagesklinisch, kurzstationär, stationsersetzend, nach § 007 ff. irgendeiner schwachsinnigen Regel, vollstationär oder durch geschmeidigen Übergang direkt zur Bestattung, versorgt werden? Alle „Leistungserbringer“ – welch scheußliches Wort - langen gleichzeitig in das Geldsäckchen, was eine möglichst rentabel erschummelte Codierung vorgaukelt.
Damit greift der ökonomische Vielbeiner unziemlich und respektlos in die vertrauensvolle, qualitätsorientierte Patient-Arzt-Beziehung ein.

Die Inspiration zu diesen Zeilen verdanke ich Andreas Schneider und seinen Salzhäuser Gesprächen vor vier Wochen mit dem Auftritt eines Trios aus überbezahlten akademischen Hohlbroschen vom ZI, der KBV und einer Gesundheitsbehörde, das sich zu dem Thema „Sektorübergreifende Versorgung“ wie eine gut geölte Theatertruppe die Bälle zuspielte, um den Teilnehmer*innen zu übermitteln, daß ihre ärztliche Arbeit schon jetzt deutlich überbezahlt und überhaupt das System nicht finanzierbar sei.
Einzig meine pazifistische Neigung hat verhindert, sie mit einem online gezündeten Tischfeuerwerk aus ihrem kruden Geschwafel zu wecken.

Zitat Professor Küntscher, virtuoser Unfallchirurg und Erfinder des gleichnamigen Nagels zur geschlossenen Osteosynthese in den 30er-Jahren: „Ein Krankenhaus funktioniert erst, wenn man die Verwaltungsbeamten erschlägt und sie vorher kastriert, um ihre Fortpflanzung zu verhindern“. Nun, auf heutige Verhältnisse weichgespült  - „politisch korrekt“ - umformuliert, bedeutet das, den Ärzte*innen wieder das Primat vor den Ökonom*innen zu übergeben. Nicht IQWIG, IQTIG , GBA, DKG, KBV, RKI, GKV, PKV, EU-DSGVO noch das BMG mit seinem Spahn-Sinn heilen Kranke – sie brauchen ausschließlich Ärzte*innen. Der ganze Eintopf aus Abkürzungen dient niemandem zur Gesundung und Gesunderhaltung.

Wenn der Patient tatsächlich im Mittelpunkt steht, definieren die Behandler, was er braucht und welche Ressourcen dafür und für ihre angemessene Vergütung benötigt werden. Die Nieten in Nadelstreifen sorgen ohne eigene Entscheidungskompetenz dafür, daß die Taler rechtzeitig auf den Konten landen. Aus den jährlich 600 Milliarden – 360 aus der GKV, 240 aus PKV und Selbstzahlerbeiträgen – ist das locker machbar.

Oder Plan B: wir beenden diesen Versicherungsunsinn und transferieren die Milliarden in eine zweckgebundene Gesundheitsstiftung, die sich aus der Lohn- und Einkommenssteuer speist – somit tragen die Stärkeren sozial ausgewogen mehr als die Schwächeren. Über die Entnahmeaufteilung befindet nicht etwa ein Finanzministerium oder eine selbstverliebte Krankenkasse, sondern ein drittelparitätischer Stiftungsrat aus Ärzte*innen, Versicherten und Ethiker*innen.

Was halten Sie davon, wenn wir kluge Köpfe ermuntern, das in einen konkreten, appetitlichen Plan zu gießen und den wenigen, ebenso klugen Köpfen in unseren parlamentarischen Vertretungen zur allgemeinen Überzeugung zu servieren? Jeder lange Weg beginnt mit einem ersten Schritt.

Herzlich

Ihr

Wolfgang Bühmann