Die Uro-Kolumne 08/2021

Autor: |Veröffentlicht am 20. September 2021|Aktualisiert am 20. September 2021

Leuchtturm für A(e)rzt*innen: die Lokführer

20.08.2021. Vor der Pandemie saß ich jede Woche  im ICE; manchmal – im Typ 3 – direkt hinter dem Lokführer an der Zugspitze. Durch die Milchglasscheibe kann ich schemenhaft den Piloten erkennen, der ebenso gelassen wie hochkonzentriert, also souverän, bis zu 600 Menschen mit 250 km/h sicher an ihren Zielort fährt. Ich kann denken, arbeiten, ruhen und lege mein Leben während dieser Zeit in seine Verantwortung. Dafür bekommt er 2700,- brutto im Monat. Traurig!

Vor der Pandemie bin ich auch manchmal geflogen. Der Pilot fliegt bis zu 400 Menschen mit einer 747 ebenso gelassen wie hochkonzentriert, also souverän, sicher um die Welt. Ich kann denken, arbeiten, ruhen und lege mein Leben während dieser Zeit in seine Verantwortung. Dafür bekommt er 11.000,- brutto pro Monat, wie ein Abgeordneter. Peinlich wenig!

A(e)rzt*innen behandeln täglich, ebenso gelassen wie hochkonzentriert, ihre Patient*innen. Diese vertrauen ihnen, legen ihr Leben oft in ihre Verantwortung. Als Angestellte bekommen sie dafür 3000 bis 8000,- brutto im Monat, als Freiberufler etwa das Gleiche in Netto. Unwürdig!

Und nun? Die Republik ist bestürzt, schimpft. Welche Unverschämtheit: die kleine Gruppe der Lokführer „erpresst“ das ganze Land um 135,- mehr Monatslohn, das sei so fies. Bei 20.000 Lokführern sind das Mehr-Kosten von monatlich 2,7 Mio. Bringt das Deutschland in eine Krise? Die Piloten „erpressen“ das Land, um mit 56 Jahren in Ruhestand gehen zu können, weil sie selbst merken, dass sie nicht mehr 100% ihrer Kraft und Konzentration haben, kostet auch nicht mehr. Ein Eurofighter für 100 Mio. steht kaputt am Boden. Wie können so kleine Gruppen soviel Einfluß haben?

„Schlüsselbranche“ heißt das Zauberwort. Das Land braucht Lokführer und Piloten. Wie aber sollen die ihre Interessen durchsetzen, wenn so kleine Gruppen nicht kämpfen dürfen? Niemals. Wenn nur die Hunderttausenden Beamten, Metaller, Autobauer oder Millionen Arbeitslosen streiken dürfen? Neid bestimmt die Diskussion im Volk, weil wirklich wichtige Branchen für ihre Interessen eintreten. Angst bewegt die Politiker*innen (die Deutsche Bahn gehört mehrheitlich dem „Staat“). Angst, dass viele merken könnten, dass wir zwar Lokführer und Piloten brauchen, um sicher ans Ziel zu kommen, nicht aber träge Verwaltungshengste und unsensible Politiker. Und Kranke brauchen A(e)rzt*innen, um gesund zu werden/zu bleiben, keine Krankenkassen. Was machen wir als Schlüsselbranche? Erst ducken, dann die Schultern zucken.

Nota bene: die durchaus ehrenwerte Initiative des Berufsverbandes, den Ausgleich der unverschämt niedrigen Honorare für endoskopische Untersuchungen inclusive der Hygienekosten einzufordern, hat schon beim ersten Mal nicht funktioniert – die Halbierung des Verlustes ist noch lange keine Kostendeckung, vom Gewinn ganz zu schweigen. Jetzt kommt also die zweite Auflage – mit dem gleichen Mißerfolg, dazu muss man kein Prophet sein. Da wird an den falschen Schrauben gedreht: es interessiert weder die Patient*innen, die Politik und schon garnicht die Krankenkassen, wenn 2500 Urolog*innen auf eine unangenehme Untersuchung verzichten – die Qualität ist den Entscheidern nämlich herzlich egal. Das hat den gleichen Effekt, als wenn die Lokführer damit drohen würden,  während ihrer Arbeitszeit einmal mehr ihre Blase zu entleeren.

Alle wollen eine intakte Umwelt, demonstrieren soll „Fridays for Future“  jedoch bitte schön am Samstagnachmittag, damit unsere Kinder nicht durch sechs Stunden Schulverweigerung etwa verblöden oder die ungebremste Luftverpestung durch freie Fahrt der Luxuslimousinen und Monster-SUV’s in den Innenstädten behindern.

Streiks müssen empfindlich wehtun und die Betroffenen wütend machen – nur dann nehmen die stumpf ignoranten, korrupten Schlipsträger in Politik und Selbstverwaltung überhaupt etwas wahr, anstatt ihr angeblich soziales Gewissen auszugraben, sich an die Spitze der aufbegehrenden Wähler*innen zu setzen und endlich den Mainstream als Lohnempfänger der steuerfreien Konzerne gegen die Authentizität ihres vom Souverän verliehenen  Vertrauens zu tauschen. Gewissenlose, egomane, narzisstische Nieten in Nadelstreifen sitzen wahrlich genug in Parlamenten, Unternehmen und Verwaltungen herum, die noch gar nicht gemerkt haben, daß das Volk ihnen schon lange nicht mehr applaudiert.

Was wünsche ich uns allen? Zufriedene, gut bezahlte Lokführer; zufriedene, gut bezahlte Piloten, zufriedene, gut bezahlte A(e)rzt*innen. Und: Herrn Weselsky in Personalunion als Bundesärztekammerpräsidenten und KBV-Vorsitzenden; die ganze restliche Trümmerelite kann meinethalben in Frührente gehen, Hauptsache, sie „vertreten“ uns nicht mehr. Warum hat der liebe Gott den Vogeleiern eine harte Schale angemessen? Damit das Wertvolle im Inneren geschützt wird.

Herzlich

Ihr

Wolfgang Bühmann