Uro-Kolumne

Die Uro-Kolumne

Schwarz-weiß trifft es selten, in der Regel braucht es eine differenzierte Meinung, gerne auch eine Prise Humor und manchmal muss der Daumen in die Wunde – auch in der Urologie. Deshalb spitzen hier verschiedene Autoren aus der Urologie den Stift und nehmen in dieser Rubrik des Urologenportals regelmäßig aktuelle Themen ins Visier.

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Autor: |Veröffentlicht am 20. Juni 2019|Aktualisiert am 20. Oktober 2021

Willkommen in Absurdistan

20.10.2021. „Weltrekord!“ titelte kürzlich ein urologisches Boulevardblatt und meinte damit die weltweit höchste Teilnehmerzahl eines urologischen Präsenz-Kongresses in diesem Jahr, welche beim DGU-Jahreskongress in Stuttgart erreicht wurde. Über 4600 Teilnehmer kamen persönlich in die Landeshauptstadt Baden-Württembergs bei nur 195 Verschüchterten, die das Angebot des Hybrid-Kongresses annahmen und online partizipierten. Das zeigt auf der einen Seite, dass wir alle die virtuellen Meetings mit ihrer quälend ungewissen Interaktivität, der fehlenden nonverbalen Kommunikation, für uns vortragende alte Zirkuspferde aber vor allem dem ausbleibenden Applaus gründlich satt haben. Auf der anderen Seite zeigt es uns aber auch das Bild einer global verängstigten Ärzteschaft (vor 2021 war der DGU-Jahreskongress noch nie die größte weltweite Urologen-Tagung gewesen), aus der ein Tübinger Ordinarius mit Wagemut, Weitsicht und unerschütterlichem Glauben an die Wirksamkeit einer Vakzinierung herausragt – Bravo!

Der diesjährige DGU-Präsident Arnulf Stenzl trotzte steigenden Corona-Inzidenzen bei ungeimpften, asymptomatischen Urlaubsheimkehrern und ließ sich auch von Virusvarianten ohne Einfluss auf die deutsche Hospitalisierungsrate nicht beirren. Die hat sich bekanntlich seit der Impfung der Risikogruppen völlig von der Infektionsinzidenz entkoppelt, fristet aber zusammen mit der Krankenhaus-Ampel und der unsäglichen Corona-Warn-App ein von den Medien weitgehend unbeachtetes Schattendasein. Das Wort „Übersterblichkeit“ hat von den regierungsberatenden Epidemiologen und Virologen auch schon sehr lange keiner mehr in den Mund genommen.

Dennoch frönen sie in Nibelungentreue ihrem in einer freiheitlich-demokratischen, multikulturellen Gesellschaft auch durch Zwangsmaßnahmen nicht herbei zu betenden Fetisch der Herdenimmunität und versagen uns stoisch einen deutschen Freedom Day. Ob wir die Herdenimmunität aber überhaupt brauchen, ist angesichts der dank einer nahezu 100%igen Immunisierung der Risikopopulation stabil niedrigen Krankenhausbelegung mit COVID-Patienten fraglich. Eine wissenschaftlich völlig unklare Long-COVID-Bedrohung darf hierbei nicht als Totschlagargument für die Impfung ungefährdeter Kinder zum Schutz von 70-jährigen Impfverweigerern missbraucht werden.

Die Freude über ein physisches Wiedersehen mit alten Weggefährten und akademischen Freunden wurde in Stuttgart allerdings von einigen Versatzstücken staatlicher Hygieneverordnungen getrübt. Die Schlangenbildung beim Eingang aufgrund der verzweifelten Suche einiger Gäste nach ihrer COV-Pass-App  war nur der harmlose Anfang. Drinnen schwitzten dann schweratmende Besucher unter ihren FFP-2-Masken, weshalb ich einige Brillenträger aufgrund ihrer beschlagenen Gläser zunächst nicht erkennen konnte. Dabei kam mir mein in der Supermarkt-Warteschlange gereifter Gedanke wieder in den Sinn: „Wen schützen wir Geimpfte mit Maske und Ellenbogengruß eigentlich vor wem und wovor?“ Wahrscheinlich waren es solche Gedanken, die mich auf dem abendlichen Heimweg aus dem Kongress-Zentrum Ein- und Ausgangsdrehtür verwechseln ließen – ich war schließlich der einzige Kongressteilnehmer in der Eingangshalle und konnte keinem Herdentrieb folgen. Glücklicherweise wies mich die freundliche Security-Dame sanft aber bestimmt auf meinen fauxpas hin und geleitete mich sicher zum legitimen Exit.

Erzürnt über die in der „Stau“garter Innenstadt völlig ungelöste Parkplatzsituation vergaß ich auf dem Weg in das für ein abendliches Arbeitsessen reservierte Restaurant meine Maske im Auto. Folgerichtig wurde ich auf den 7 Metern bis zum Tisch von einer Dame am Nachbartisch angepöbelt, warum ich keine Maske trüge. Ich wies darauf hin, dass ich seit langem geimpft sei und bekam die staatstragende Antwort, das spiele doch gar keine Rolle. Betrübt musste ich feststellen, dass die Querdenker keinen Alleinvertretungsanspruch auf Alu-Helm-Träger besitzen.

Ach ja, ganz nebenbei bin ich in Stuttgart auch noch auf den neuesten urologischen Wissensstand gebracht worden und freue mich schon heute auf Hamburg 2022.

Herzlich

Ihr

Christian Hampel

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