DGU-Kolumne

Die DGU-Kolumne

Schwarz-weiß trifft es selten, in der Regel braucht es eine differenzierte Meinung, gerne auch eine Prise Humor und manchmal muss der Daumen in die Wunde – auch in der Urologie. Deshalb spitzt Dr. Wolfgang Bühmann in der „DGU-Uro-Kolumne“ den Stift und nimmt in dieser Rubrik des Urologenportals regelmäßig aktuelle Themen ins Visier.

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Dr. med. Wolfgang Bühmann
Facharzt für Urologie - Andrologie
Med.Tumortherapie - Qualitätsmanagement

Terpstig 55, 25980 Sylt OT Morsum
Tel.: 04651-8364818, Fax 04651-8364836
 E-Mail: post(at)urologie-sylt.de

Autor: |Veröffentlicht am 20. Juni 2019|Aktualisiert am 20. Juli 2020

„Barfuß oder Lackschuh - Alles oder Nichts“ Der DGU-Kongress im Wohnzimmer…

20.07.2020. Rockmusiker haben Stehvermögen. So zog Kongresspräsident Jens Rassweiler so spät wie möglich den Stecker. Natürlich ist es vernünftig. Ebenso natürlich finde ich es schade.

Schade vor allem für ihn selbst und das gesamte Kongressteam, die ein Jahr Vorbereitung investiert haben – ob digital oder analog – und nun beim Start ausgebremst werden wie Sebastian Vettel, dessen Ferrari auf der Pole Position durch technischen Defekt stehenbleibt.

Kein Lampenfieber vor der prägenden Eröffnungsrede auf der mit Blumenbouquet geschmückten Bühne, keine Entspannung beim Festabend als Lohn der Mühe vor Übergabe der Präsidentenkette – auf diese schönen Rituale im beruflichen Leben eines Urologen gilt es, zu verzichten.

„Uro Aktuell“ war eine Chance zum placebokontrollierten Vergleich “Analog-Digital“ – der Wissenstransfer ist gelungen. Dennoch bergen ein paar Aspekte Verbesserungspotential: der Referent im T-Shirt und Kapuzenpulli vor einer fahlen Rauhfaser-Dachschräge oder der Dartscheibe im Souterrain als Accessoires des eher provisorischen Heimbüros und der „Campbell“ als Positionshilfe unter dem Notebook, um die Gesichtsverzerrung vor der Webcam zu reduzieren - vermeintlich Tennissocken und Badepantoffeln sowie das Glas Weinschorle im toten Winkel der Kamera statt Oberhemd, Krawatte und Jackett, Kniestrümpfe und schwarze, geputzte Schuhe („No Brownies after Six“)  – der Mann endet nicht an der Hüfte - als bescheidene Signale des Respektes in einem öffentlichen Dialog? Suboptimal, finde ich.

Apropos: „Sag, wo die Krawatten sind, wo sind sie geblieben?“ (frei nach Pete Seeger 1955/Marlene Dietrich 1962). Bereits vor Corona verschwanden unmerklich und grundlos diese letzten Farbtupfer am trist-grauen Polyester-Anzug vom Textildiscounter als Ausdruck einer zweifelhaft modernen Lässigkeit. Legere Position vor einem Notebook statt aufrechter Haltung im vollen Saal? Möchten wir wirklich die feierliche Nobelpreisverleihung in Oslo in Freizeitkleidung statt im Frack mit White Tie sehen? Ich jedenfalls nicht. Körpersprache ist wichtig, Rituale sind menschlich und unverzichtbar.

„Monsieur Chanel“ Karl Lagerfeld hat uns deutlich hinterlassen: „Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“(2012) – ebenso wie Harald Juhnke in seinem Lied „Barfuß oder Lackschuh“ (1999). Panik-Rocker Udo Lindenberg trägt bei seinen beeindruckenden Bühnenshows eine Krawatte – ist er wirklich die letzte Stilikone für Urologen? Nach virologischer Recherche gelten Schlipse übrigens nicht als Corona-Keimreservoire.

Nein, verehrte Kolleginnen, ich habe weder Sie noch „Gender“ vergessen – ist hier jedoch nicht angesagt, weil Sie sich ohne Nachhilfe stilsicher kleiden und verhalten.

Keine flüchtigen Begegnungen mit „Mal eben-Diskussion“, kein Auge-in-Auge-Dialog zwischen Redner und Forum, kein nervöses Kribbeln im Assistenten auf den Stufen zum Podium zu seiner ersten wissenschaftlichen Präsentation, keine konstruktiv-kontroverse Präsenzdiskussion tagsüber im Kongress oder abends beim Alka Seltzer on the rocks – nicht sexy, finde ich.

Wir sollten achtsam sein, nicht zum „DiDi“ zu werden – „Digitalen Diener“, sondern konsequent reklamieren, dass das Digitale unser Diener zum Datentransfer bleibt; sonst riskieren wir, dass die  angehimmelte „Künstliche Intelligenz“ die einzigartig wertvollen menschlichen „Schwächen“  Verstand und Emotion dominiert: wir sind auf einem falschen Weg, wenn wir uns als analoge Menschen vom digitalen Netz fangen und das Zwischenmenschliche auf binäre Zeichen reduzieren lassen. Das dürfen wir nicht zulassen - digital ist zweite Wahl!

Ja, Kongress ist Circus – und das ist nicht etwa respektlos, sondern ein Kompliment. Circus im antiken Wortsinn ist eine runde Arena, bis heute die Idealform der kommunikativen Bühne, ob Hörsaal, Parlament oder Oper. Fragen wir einmal unsere Kinder: wo haben sie ähnlich glänzende Augen wie im Circus? Nirgends: Circus ist real präsentierte, zauberhafte Illusion. Behalten wir also unsere Kinderaugen und hoffen, dass Sie, sehr geehrter Herr Präsident, lieber Herr Rassweiler, als einmalig digitaler Kongresspräsident Ihren Platz in der DGU-Historie bekommen und daß der Circus zukünftig wieder analog wird.

Ihnen persönlich wünsche ich, dass Sie 2021 in Stuttgart in angemessener Aura Ihre diesjährige Präsidentenrede live werden nachholen können, Ihre Gitarre auspacken und uns mit klimaneutral erzeugter Energie im Verstärker Ihre musikalische Botschaft übermitteln werden, um dann unseren analogen Applaus als des Künstlers Brot zu empfangen. Das wird den Glanz Ihres Nachfolgers nicht trüben, sondern eher stärken.

Krisen machen kreativ: richtig, dennoch hoffentlich als digitales Unikat!

Herzlich

Ihr

Wolfgang Bühmann


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