Autor: Pressestelle DGU|Veröffentlicht am 19. Dezember 2006|Aktualisiert am 29. Oktober 2019

Fruchtbarkeit als Fenster zur Gesundheit des Mannes neu bewerten: Erster digitaler Welt-Kongress der Andrologen endet mit Appell

14.12.2020. Ob in Argentinien, Australien oder Kanada, in China, Russland, den USA oder in Europa: Mehr als 700 Androloginnen und Andrologen rund um den Globus haben an der Online-Premiere des weltgrößten Andrologie-Kongresses teilgenommen.

Vom 5. bis 9. Dezember 2020 hatten die International Society of Andrology (ISA), die European Academy of Andrology (EAA) und die Deutsche Gesellschaft für Andrologie (DGA) erstmals gemeinsam getagt. Unter der Leitung der beiden Kongresspräsidenten Prof. Dr. med. Sabine Kliesch, Chefärztin der Abteilung für Klinische und Operative Andrologie, Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie (CeRA) an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Univ.-Prof. Dr. rer. nat. Stefan Schlatt, Direktor des CeRA, rückte Münster als digitale Kongress-Zentrale des virtuellen Events in den Mittelpunkt der andrologischen Fachwelt. Eine der wichtigsten Botschaften von Andrology 2020 betrifft unfruchtbare Männer, denn sie haben ein hohes Risiko für weitere Begleiterkrankungen.

„Die andrologischen Fachgesellschaften hatten einen Traum von einem weltumspannenden Präsenzkongress und wir haben ihn 10.000 E-Mails und Hunderte von Zoom-Konferenzen später, trotz Corona-Pandemie virtuell wahrgemacht“, resümieren die Organisatoren Prof. Kliesch und Prof. Schlatt. Während des Kongresses waren permanent 200 bis 300 Teilnehmende online. „In der pandemischen Situation war das digitale Format perfekt, um Einblick in die jüngste Forschung und klinische Entwicklungen zu gewinnen und andrologische Kompetenz in Forschung und Patientenversorgung weltweit zu stärken.“ Beide Tagungspräsidenten hoffen auf einen stimulierenden Effekt für die Zukunft der Andrologie mit dem Ziel, die Gesundheit der männlichen Bevölkerung zu verbessern.

Dafür brachte Andrology 2020 eine Reihe klinisch relevanter Erkenntnisse: So ist der Zusammenhang zwischen Testosteronmangel und erhöhter Sterblichkeit in Studien gesichert, was die Notwendigkeit der Behandlung eines Hypogonadismus unterstreicht. „Vor allem müssen wir die Fruchtbarkeit des Mannes neu bewerten und als Indikator für die Männergesundheit ansehen und unsere Patienten dahingehend beraten“, sagt Kongress- und DGA-Präsidentin Kliesch. „Wir wissen heute, dass die Fruchtbarkeit ein Fenster zur Gesundheit des Mannes ist und schwerstinfertile Männer im späteren Leben deutlich häufiger Begleiterkrankungen entwickeln, die ihre weitere Lebenserwartung beeinflussen.“ Das sogenannte OAT-Syndrom führt nach epidemiologischen Studien zu einem erhöhten Risiko für Tumorerkrankungen. Betroffene Männer haben zu wenig, zu gering bewegliche und vermehrt fehlgeformte Spermien. Ihr Risiko für Keimzelltumoren ist 2-3fach erhöht, das Risiko für Prostatakarzinome ist 1,7fach erhöht, und ihr Risiko für Krankenhausaufenthalte wegen kardiovaskulärer Erkrankungen steigt mit abnehmender Spermienzahl.

Mit Blick auf Keimzelltumoren zeigt sich eine zunehmende Bedeutung der genetischen Prädisposition und von Umweltfaktoren. In der Diagnostik sind neue „miRNAs“ den klassischen Tumormarkern (AFP, hCG, LDH) zum Teil überlegen.

Die soziale Komponente der Männergesundheit machen noch unveröffentlichte Daten einer asiatischen Studie deutlich. Dem Asian Male Health Report zufolge haben unverheiratete Männer ein 3-mal höheres kardiovaskuläres Erkrankungsrisiko. Heirat reduziert das kardiovaskuläre Erkrankungsrisiko demnach um 46% während ein niedriges Einkommen die Rate ischämischer Herzerkrankungen verdoppelt.

Beim Thema ungewollte Kinderlosigkeit betonte der Past-President der DGA, Prof. Dr. Hermann M. Behre, dass es von zentraler Bedeutung sei, immer das infertile Paar in den Blick zu nehmen und beide Partner zu untersuchen. Der Faktor Zeit sei dabei nicht zu unterschätzen, denn trotz großer Fortschritte bei der assistierten Reproduktion mit Schwangerschaftsraten von bis zu 80% nach vier Behandlungszyklen bleibe das Alter der Frau entscheidend für die Erfolgsrate. Studien zeigten, dass Frauen zum Zeitpunkt der künstlichen Befruchtung im Durchschnitt 35,5 Jahre alt sind und die Schwangerschaftsrate dann bei nur noch 35% liegt. Umso wichtiger, dass es mittlerweile eine ganze Reihe neuer Spermienfunktionstests gibt, die ihren Weg aus der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung finden und die Funktionsstörungen auf zellulärer Ebene sichtbar werden lassen. Ein großer Fortschritt für die Behandlung des Paares mit unerfülltem Kinderwunsch.

Für großen Forschungsbedarf sorgt das Corona-Virus auch in der Andrologie: Bereits jetzt wurde in einer Studie ein Zusammenhang zwischen Testosteron und dem Verlauf einer COVID-19-Erkrankung beobachtet. Danach ist ein zu 95% günstiger Krankheitsverlauf zu erwarten, wenn der Testosteronwert bei stationärer Aufnahme über 5 nmol/l liegt. Dagegen bedeutet die Testosteronabnahme von 1 nmol/l unter diesen Schwellenwert bereits ein um 42% erhöhtes Risiko für einen ungünstigen Krankheitsverlauf. Völlig unklar ist derzeit noch, ob die Expression der Rezeptoren, an denen das Virus im Hoden problemlos andocken kann, tatsächlich Effekte auf die Fruchtbarkeit haben wird.

Nach insgesamt mehr als 300 Vorträgen und Präsentationen sowie technisch perfektem Ablauf dankten die Tagungspräsidenten Prof. Kliesch und Prof. Schlatt der andrologischen Community, die Andrology 2020 mit ihrer Teilnahme zu einem großen Erfolg gemacht haben.

 


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