Autor: Redaktion|Veröffentlicht am 25. März 2009|Aktualisiert am 06. April 2017

Herausforderung: Kommunikation mit Krebspatienten

Der Arzt als Behandelnder, Betreuer oder Betroffener?

Im Mittelalter hatten Boten mit schlechten Nachrichten keine hohe Lebenserwartung. Obwohl die Zeiten ruhiger geworden sind, ist es immer noch keine einfache Aufgabe, der Überbringer schlechter Neuigkeiten zu sein. Das betrifft besonders Ärzte, die ihren Patienten mitteilen müssen, dass sie bei ihnen Krebs diagnostiziert haben. In dieser Situation kann eine professionelle Kommunikation für Arzt und Patient ein Rettungsanker sein. Aber auch in der Therapiephase bleibt die Kommunikation mit Krebspatienten eine Herausforderung. Entsprechende Weiterbildung ist notwendig und wird onkologisch tätigen Urologen auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) vom 24. bis 27. September 2008 in Stuttgart erstmals angeboten.

Wenn ein Patient erfährt, dass er Krebs hat, trifft es ihn bis ins Mark. Es entstehen plötzlich so viele Handlungsebenen, die berücksichtigt werden müssten, dass es sowohl für den Arzt als auch für den Patienten fast unmöglich ist, allen Erfordernissen gleichzeitig gerecht zu werden. Die Rufe nach einer besseren Schulung der Ärzte für Patientengespräche stammen zwar zumeist aus dem Patientenlager, doch es liegt auch im Interesse der Ärzte, hier Kompetenzen zu erwerben.

Auf dem DGU-Kongress wird Dr. Alexander Marmé Interesse für diese kommunikative Kompetenz wecken. Er ist Gynäkologe an der Frauenklinik des Universitätsklinikums Tübingen und erfahrener Kommunikationstrainer, der seit vielen Jahren in Anlehnung an das SPIKES-Protokoll von Buckman und Baile arbeitet und sich heute auch in dem bundesweiten Fortbildungsangebot "KoMPASS" engagiert, das mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe in sechs Krebszentren ein spezielles Kommunikationstraining für Ärzte anbietet. Dr. Marmé: "Ein onkologisch tätiger Arzt übermittelt in seinem Berufsleben circa 20 000 schlechte Nachrichten und gerade junge Kollegen sind mit dieser Situation oft überfordert und fürchten sich teilweise vor diesen Gesprächen. Auch ich komme noch in Situationen, bei denen ich sage: das überfordert mich. Deshalb bereite ich mich immer vor - sachlich und emotional. Ein Konzept gibt Sicherheit."

Arzt-Patienten-Gespräche sind in der Tat schwierig: Die Informationswünsche des Patienten stehen der Aufklärungsintention des Arztes laut einer Veröffentlichung der Abteilung für Medizinische Psychologie der Universität Freiburg nahezu diametral gegenüber. So interessieren sich Patienten brennend für die Prognose (83% Wichtigkeit), erst danach wenden sie ihre Aufmerksamkeit Diagnose, Diagnostik und Therapie zu. Beim Arzt ist es genau umgekehrt: er will seine Aufgabe wahrnehmen und Aufklären und Entscheidungen finden. Hier steht die Diagnostik (83%) im Brennpunkt des Interesses. Therapie und Diagnose folgen, die Prognose (13%) ist für ihn eher nachrangig wichtig.

Die Kommunikation mit Krebspatienten hat ihre besonderen Handicaps, weiß Dr. Marmé. "Es ist der größte Fehler, wenn wir eine schlechte Nachricht überbringen, dass wir uns viel zu wenig Zeit nehmen zur allumfassenden Wahrnehmung des Patienten. Sowohl auf der Sachebene als auch auf der emotionalen Ebene." Besonders der Umgang mit der starken Emotionalität der Patienten fällt schwer. "Oft kommunizieren wir auf zwei Ebenen, weil wir auf eine emotionale Äußerung des Patienten mit einer rationalen Erklärung antworten. Dann fühlt sich der Patient einmal mehr unverstanden und allein." Dass Ärzte sich meist besser aufs Antworten als aufs Zuhören verstehen, ist belegt. "Im Schnitt werden Patienten nach 12 Sekunden unterbrochen, obwohl zuhören und fragen geboten ist."

Nach dem Motto "learning by doing" setzt der Tübinger Kommunikationsexperte in seinen Seminaren auf Rollenspiele: "Kommunikation lernt man nicht, indem man sich vor ein Buch setzt, sondern nur durch die eigene Erfahrung.Es ist manchmal nur ein einziges Erleben eines solchen Gesprächs in der Patientenrolle notwendig, um die gänzlich andere Interessenlage zu begreifen und zu berücksichtigen."

Der Drahtseilakt zwischen medizinischer Behandlung und psychischer Betreuung hat jedoch nicht nur Auswirkungen auf den Patienten. Seit Langem ist bekannt, dass insbesondere bei Onkologen und klinischem Personal, das in der Onkologie tätig ist, eine starke Korrelation zwischen ihrem Beruf und dem Burnout-Syndrom besteht. So ist es auch im ureigensten Interesse des Arztes, eine allgemeine Kompetenz in der Bewältigung von Patientengesprächen aufzubauen, denn die erlebte Hilflosigkeit ist der stete Tropfen, der irgendwann das Fass namens Burnout überlaufen lässt und auch den Arzt zum Betroffenen macht. Dass umgekehrt die Nachwirkungen eines Kommunikationstrainings noch jahrelang in der erhöhten beruflichen Zufriedenheit der Teilnehmer nachzuweisen sind, belegt eine Studie aus Nordeuropa.

Fazit: Kommunikative Fachkompetenz rückt immer mehr in den Fokus der Mediziner. Nach Ansicht von Dr. Alexander Marmé zu Recht: "Wer onkologisch tätig ist, muss sich den Herausforderungen des Faches stellen, und dazu gehört auch, die Patienten zu begleiten. Ich kann nicht sagen, das ist meine Diagnose, den Rest macht der Psychotherapeut!"

Der 60. Urologen-Kongress in Stuttgart bietet entsprechende Weiterbildung, um sicherzustellen, dass die Urologen sich weiterhin ihren Aufgaben als Behandelnder und Betreuer widmen können, ohne selbst zu Betroffenen zu werden.

Terminhinweis:
60. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V., 24. bis 27. September 2008, Internationales Congresscenter Stuttgart

Seminar: "Breaking Bad News - Herausforderung Kommunikation mit Krebspatienten", Donnerstag, 25. September 2008 und Freitag, 26. September 2008

Kontakt:

DGU-Pressestelle
Bettina-Cathrin Wahlers &
Sabine M. Glimm
Stremelkamp 17
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Fax: 040 - 79 14 00 27
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Weitere Informationen
www.dgu-kongress.de

Anmeldung

zum Kongress und zur Eröffnungs-PK am Donnerstag, 25. September 2008, 12.15 bis 13.45 Uhr:
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