Autor: |Veröffentlicht am 02. Juli 2019|Aktualisiert am 09. September 2019

Parlamentarischer Abend der DGU im Zeichen der künstlichen Intelligenz

Berlin, 02.07.2019. Im heißesten Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnung nahm die Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) auf ihrem Parlamentarischen Abend am 25. Juni 2019 das wahrscheinlich bedeutendste gesellschaftspolitische Thema unserer Tage ins Visier: die künstliche Intelligenz. Unter der Moderation von DGU-Präsident Prof. Dr. Oliver W. Hakenberg diskutierten Referenten und rund 50 geladene Gäste aus Politik und Gesundheitswesen, aus dem Fachgebiet und der Presse vis-à-vis des Reichstagsgebäudes im Hause der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft über die „Chancen und Grenzen kollaborativer Automatisierung und künstlicher Intelligenz“.

„Digitalisierung, Automatisierung und künstliche Intelligenz sind in aller Munde, ein großes Thema der Politik und der Öffentlichkeit und natürlich auch der Medizin“, sagte Prof. Dr. Oliver W. Hakenberg in seiner Begrüßung und bat mit Prof. Dr. Maurice Stephan Michel den ersten Referenten ans Mikrofon, der skizzierte, was kollaborative Automatisierung in der Urologie heute bereits möglich macht und was morgen möglich sein kann. Der DGU-Generalsekretär betonte in seinen Ausführungen, dass sich die Urologie als operatives Fach sehr früh mit dem Einsatz moderner Systeme beschäftigt hat und die radikale Prostatektomie heute überwiegend mit dem DaVinci-Operationssystem mit seinen bekannten Vorteilen durchgeführt wird. Gleichwohl stehe man damit erst am Anfang der Entwicklung, denn es handele sich hierbei nicht um ein Robotersystem, sondern um ein System, das mit dem Arzt in einer Kollaboration zusammenarbeitet. Der intelligente Roboter im OP sei noch sehr weit weg. „Das jetzige System macht keinen einzigen Schritt selbst!“

Eine deutliche Weiterentwicklung im Bereich der kollaborativen Automatisierung sieht der DGU-Generalsekretär in der aktuellen Bildgebung bei der PCa-Biopsie. Noch weiter sei die Technik bei der Operation der gutartig vergrößerten Prostata, wo mit dem AquaBeam-System heute erstmals in einer automatisierten OP ein Wasserstrahl das Gewebe in dem mit Echtzeit-Bildgebung vorgegeben Arial in wenigen Sekunden selbständig abträgt.

Gerade bei diesem, neben der OP des Grauen Stars, weltweit häufigsten Eingriff könnte, nach Michels Worten, ein Roboter sinnhaft und effizient einsetzbar sein, da bis 2030 rund 20 Prozent mehr Patienten in der Urologie erwartet werden. Ein dadurch einheitlich werdender Qualitätsstandard könne heutige Qualitätsunterschiede der Operateure ggf. zukünftig eliminieren.

KI kann unterstützen, nicht eliminieren

Dass das Computersystem „Dr. Watson“ bei der Therapieempfehlung etwa bei Krebserkrankungen schon heute 90 Prozent Übereinstimmung mit einem interdisziplinären Tumorboard erreicht und die KI Prostatakarzinome in Biopsien identifizieren kann, sorgt Prof. Michel nicht. KI müsse unterstützend, nicht den Arzt eliminierend eingesetzt werden; ohne Plausibilitätsprüfung, Vermittlung und Beratung des Patienten bei der Therapieentscheidung gehe es nicht.

Angesichts der knappen „Ressource Arzt“ und steigendem Versorgungsaufkommen sieht der DGU-Generalsekretär auch den nächsten erwarteten, revolutionären Entwicklungsschritt positiv: Wenn intelligente Maschinen Inhalte in Texten erfassen können und schließlich aus Patientenakten relevante Informationen auslesen und aus Vorgeschichte, Bildgebung, klinischen Untersuchungsergebnissen, Laborbefunden und Medikation einen neuen Datensatz generieren können, entstünde für den behandelnden Urologen aus der Fülle an Befunden eine wichtige Entscheidungs- und Beratungsunterstützung.

Nach diesem optimistischen Blick in die digitale Zukunft sprach Prof. Arno Elmer, Geschäftsführer der “Innovations Health Partners” und Ex-Geschäftsführer der gematik, in seinem Impulsvortrag über die „Chancen und Potenziale der Vernetzung und Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens”. Über- und Unterversorgung sowie Fachkräfte- und Ärztemangel brächten heute Rückenwind für die in Deutschland rückständige Digitalisierung im Gesundheitswesen, so der Betriebswirt, Informatiker, Rechtswissenschaftler und promovierte Gesundheitswissenschaftler. Er nahm das Auditorium mit auf einen Parforceritt durch den digitalen Fortschritt bis hin zu selbst lernenden Maschinen (Deep Learning) und längst genutzten maschinellen Cyber-Abwehrprogrammen. Wie der DGU-Generalsekretär sieht auch Prof. Helmer die nächste Revolution im Bereich Sprache. Die Mensch-Maschine-Interaktion über Sprache werde spannend, denn dann ginge die Substitution von menschlichem Handel relativ schnell. Dieser Prozess müsse intelligent gesteuert werden, damit am Schluss die natürliche Intelligenz darüber entscheide, wo die KI eingesetzt wird. „Diesen Stecker sollte man versuchen, sich zu bewahren“, so der Digital-Experte.

Empfehlung der Referenten: „Blade Runner“ und „Terminator II“

Die Entwicklung verlaufe schon jetzt rasant und nicht erst übermorgen; die ersten Krankenkassen berieten ihre Kunden bereits mit Avataren. Bis zu einem Operationssaal ohne Ärzte werde es noch wirklich lange dauern, so Helmers These, aber die Prozesse würden schnell ablaufen und gerade im ambulanten hausärztlichen Bereich würden die Assistenzsysteme massiv und schnell zunehmen.

Zur Anschauung verwiesen übrigens beide Referenten auf Hollywood und empfahlen den Gästen die Kinohits „Blade Runner“ und den „Terminator II“, um sich ein Bild von der so komplexen Materie zu machen.

Im dritten und letzten Vortrag des Abends war die ethische Sichtweise gefragt: Dr. Julia Inthorn von der Evangelischen Akademie Loccum nahm sich der roten Linien im Umgang mit der künstlichen Intelligenz an. KI sei von Menschen gemacht, und Menschen setzten die Regeln. Menschenrechte und Selbstbestimmung, Partizipation und Gerechtigkeit gäben den Rahmen dafür vor. In der Medizin gehe es speziell um die Bewahrung der vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung und eine bessere Patientenversorgung unter Berücksichtigung von Ökonomie und Ressourcen – also gehe es um genau die roten Linien, die wir immer haben. Verantwortung in der Zusammenarbeit mit den Systemen müsste ebenso wie rechtliche Aspekte diskutiert werden. Die ethische Debatte darüber habe begonnen. Dabei weckte Dr. Inthorn durchaus Zweifel, ob die Praxis diese theoretischen Ansprüche nicht längst überholt hat.

In der anschließenden lebhaften Diskussion dominierte die Frage nach der künftigen Bedeutung ärztlicher Heilkunst, die wohl wesentlich vom Vertrauen des Patienten geprägt ist. Dieses Vertrauen werde der Arzt aber wohl nur erhalten können, wenn er sich der Chancen der Digitalisierung bedient und sie als soziales und emotionales Wesen zum Wohl der Patienten einsetzt. Dabei sei entscheident, dass der Arzt die medizinische Hoheit über die Verfahren behalte.

Text: DGU-Pressestelle

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