Autor: |Veröffentlicht am 19. Februar 2018|Aktualisiert am 21. Mai 2018

DGU-Präsident: „Die individualisierte Medizin wird auf dem Urologen-Kongress in Dresden die Hauptrolle spielen“

Präsidenten-Interview

19.02.2018.
Am 1. April startet die Anmeldephase für den 70. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU). Schon heute gibt der amtierende DGU- und Kongresspräsident Professor Dr. Paolo Fornara einen Ausblick auf die weltweit drittgrößte urologische Fachtagung, zu der vom 26. bis 29. September 2018 rund 7000 Teilnehmer in Dresden erwartet werden. Der Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Urologie am Universitätsklinikum Halle (Saale) spricht im Interview über das Kongressmotto „Tradition, Innovation und Verantwortung“, über ein ganz persönliches Anliegen seiner Präsidentschaft und blickt voraus in den intelligenten Operationssaal der Zukunft.

Herr Professor Fornara, es geht 2018 auf ein Neues nach Dresden: Ist das ein Handicap oder eine Chance für den 70. DGU-Kongress?

Natürlich hätte ich gerne das neugestaltete Congress Center Düsseldorf für unseren Kongress genutzt, doch die andauernden Umbaumaßnahmen haben uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Da wir aber rechtzeitig umgeplant haben und in der Messe Dresden bekanntermaßen optimale Bedingungen für unseren Kongress finden, freue ich mich nun sehr, die Kolleginnen und Kollegen zum 70. DGU-Kongress im September im Florenz des Nordens zu begrüßen und sehe es als große Chance, die positive Aufbruchstimmung aus dem letzten Jahr an gleicher Stelle aufnehmen zu können. Als größte urologische Fortbildungsplattform im deutschsprachigen Raum werden wir im wissenschaftlichen Programm das komplette Spektrum unseres Fachgebietes mit dem Schwerpunkt Uro-Onkologie und einem maßgeschneiderten Angebot für Niedergelassene abbilden. 

Welche Botschaft wollen Sie mit dem diesjährigen Kongressmotto „Tradition, Innovation und Verantwortung“ vermitteln?

Ich möchte nach innen und außen bewusst machen, dass unser Fach auf eine lange Tradition zurückblickt, allein die DGU ist über 110 Jahre alt, und von jeher bedeutende Innovationen hervorgebracht hat, auf die wir stolz sein sollten. Endoskopische Techniken, organerhaltende und funktionsersetzende bzw. -erhaltende operative Techniken, extrakorporale Stoßwellenlithotripsie, Lasertherapie, Laparoskopie und roboterassistierte minimalinvasive Techniken kommen aus der Urologie und stehen für enorme Behandlungsfortschritte. Gleichzeitig können wir unserer ärztlichen Verantwortung aber kaum mehr gerecht werden. Externe Faktoren wie Personalmangel auf ärztlicher und pflegerischer Ebene in Klinik oder Praxis, zunehmende Formalisierung und Verrechtlichung in der Medizin, die exponentiell zunehmende Belastung im administrativen Bereich, Ökonomisierung, Arbeitsverdichtung sowie zielgerichtete Einflussnahme limitieren zunehmend eine Übernahme von Verantwortung. Wir sind wie alle Fachgruppen aufgerufen, tragfähige Konzepte zu erarbeiten, die Problematik proaktiv und nicht reaktiv anzugehen. Eines der neuen sogenannten Checkpoint-Foren auf dem DGU-Kongress 2018 gilt deshalb dem Thema Nachwuchsförderung, um dem Ärztemangel entgegenzuwirken und aufzuzeigen, dass die Urologie mit einem um 20 Prozent steigenden Versorgungsbedarf das größte Zukunftsfach der Medizin ist und angehenden Medizinern beste Karrierechancen bietet. In einer besonderen gesellschaftlichen Verantwortung sehe ich uns zudem bei der Organspende und Nierentransplantation, hier speziell die Lebendspende.

Schreiben Sie als renommierter Transplantationsmediziner die Organspende auf die Flagge Ihrer DGU-Präsidentschaft?

Ja, das mache ich in der Tat! Als transplantierendes Fachgebiet haben wir, und ich als Leiter eines Transplantationszentrums und Mitglied der Ständigen Kommission Organtransplantation sowie der Prüfungs- und Überwachungskommission der Bundesärztekammer im Besonderen, auch in der Transplantationsmedizin eine Verantwortung. Das gilt vor allem in der jetzigen Situation. Deshalb ist es mir ein persönliches Anliegen in meiner Präsidentschaft, eklatante Missstände bei der Organtransplantation zu benennen, Lösungen aufzuzeigen und anzustoßen. Im wissenschaftlichen Programm des 70. DGU-Kongresses werden die Nierentransplantation und die Nierenlebendspende als Teil des interdisziplinären Konzeptes „Urology meets Nephrology“ berücksichtigt und zudem eine roboter-assistierte Nierentransplantation im Rahmen der Semi-Live-Operationen präsentiert.

Wie steht es denn um die Organtransplantation in Deutschland?

Die deutsche Transplantationsmedizin befindet sich im freien Fall wie vor allem der internationale Vergleich zeigt. Im Vergleich zwischen den Mitgliedsländern von Eurotransplant liegt Deutschland mit 9,7 postmortalen Spendern pro Million Einwohner an letzter Stelle. Weltweiten belegt Deutschland mit seinem vermeintlich besten Gesundheitssystem Platz 30 hinter dem Iran und vor Rumänien. Die Probleme bei der Organspende liegen hierzulande aber nicht wie so häufig vorgetragen in der mangelnden Spendebereitschaft der Bevölkerung oder ausschließlich im ärztlichen Mikrokosmos, sondern in einer Reihe von Systemfehlern, die wir vor Ort in Dresden, aber auch schon im Vorfeld öffentlich diskutieren wollen. Nur ein klarer und ehrlicher politischer Wille zu tiefgreifenden, aber auch unbequemen Reformen kann aus meiner Sicht Abhilfe schaffen.

Welche Bedeutung haben aktuelle urologische Innovationen?

Nehmen wir zum Beispiel die Innovationen im Bereich der Bildgebung und der fokalen Techniken in der Uro-Onkologie. Beide zählen zweifelsohne zu den wichtigsten Entwicklungen und sind Ausdruck einer klaren Tendenz, die vor dem Hintergrund der Verbesserung im diagnostischen und therapeutischen Bereich eine gezielte individualisierte und somit personalisierte Diagnostik und Therapie ermöglichen. Bei der Anwendung einer individualisierten risikoadaptierten Diagnostik inklusive der Charakterisierung des Tumors kann eine personalisierte PCa-Therapie unter Einschluss aller Optionen von der Active Surveillance bis hin zur multimodalen Therapie beim hochaggressiven oder oligometastasierten Tumor zum Tragen kommen. Innovationen wie diese erlauben einen grundlegenden Kurswechsel in der Urologie, mit dem wir für jedes einzelne Krankheitsbild und für jeden einzelnen Patienten die beste Diagnostik und somit die individuell beste Therapie anstreben. Dieser Leitgedanke wird in unserem Fach tagtäglich bewusst gelebt, und deshalb wird die individualisierte Medizin auf dem 70. DGU-Kongress die Hauptrolle spielen. In Zukunft wird es im Rahmen der individuellen Medizin durchaus zum klinischen Alltag gehören, bereits vor der Diagnose und vor Therapiebeginn für den einzelnen Patienten das für ihn optimale Diagnostik- und Therapiebehandlungsschema auszusuchen. Tiefgreifende Veränderungen stehen übrigens auch im OP an, weshalb wir in Dresden einen Blick in den intelligenten Operationssaal von morgen werfen werden.

Was erwartet den urologischen Operateur in diesem OP der Zukunft?

Im intelligenten Operationssaal der Zukunft wird es ein umfassendes Assistenzsystem geben, das alle Abläufe überwacht und den Chirurgen laufend unterstützt, indem es automatisch erkennt, was der Operateur tut und selbstständig auf jeden Arbeitsschritt reagiert und die Einstellung der OP-Geräte und Systeme dem jeweiligen Vorgehen automatisch anpasst. Das System liefert während der chirurgischen Prozedur intraoperativ relevante Informationen und hilft, diese zu analysieren und zu verarbeiten. Idealerweise können Wärmebildkameras Gefäße detektieren. Alle Informationen können manuell per Sprache oder virtuell gesteuert werden, laufend auf einem zentralen Monitor oder sogar im Okular des Operationsmikroskops oder am Bildschirm angezeigt werden. Der intelligente OP ist in der Lage, uns vor kritischen Situationen zu bewahren und vor Risiken zu warnen und verspricht gerade der Generation der Digital Natives eine reizvolle hochtechnologische Zukunft in der Urologie - eine Zukunft, die in der Urologie bereits begonnen hat und die unser Fach entscheidend weiterentwickeln soll.

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