Autor: Redaktion|Veröffentlicht am 03. Dezember 2006|Aktualisiert am 06. April 2017

Diagnose Prostatakrebs

Ein betroffener Urologe geht an die Öffentlichkeit
"Für mich gab es nur eine richtige Therapie - die Operation!"

Augsburg, 01.08.2006
Prostatakrebs! Ungezählten Patienten hat er diese Diagnose während seiner insgesamt fast 40-jährigen ärztlichen Tätigkeit mitteilen müssen. Im April 2002 sah sich der Augsburger Urologe Professor Dr. Rolf Harzmann selbst mit diesem Befund konfrontiert. Heute macht er seine Erkrankung öffentlich. Sein Ziel: Aufklärung und Hilfestellung für Betroffene angesichts einer zum Teil verwirrenden und verunsichernden Diskussion um Diagnostik und Therapie des Prostatakarzinoms in Deutschland.

"Am Anfang dachte ich, das kann ja nicht sein, dass ausgerechnet mir das passiert." Der Patient Harzmann reagierte also wie die meisten Betroffenen. Eine routinemäßige betriebsärztliche Untersuchung hatte einen erhöhten PSA-Wert ergeben. Die Bestimmung des Prostataspezifischen Antigens im Blut (PSA) ist eine Maßnahme im Rahmen der Prostatakrebs- Früherkennungsuntersuchung. Ein erhöhter Wert kann ein Hinweis auf einen Tumor sein. Für den Urologen Harzmann fällt der eigene Wert von 4,8 in den Graubereich, ein Alarmsignal. Dennoch stellte sich bei ihm "nach dem Florians-Prinzip ganz schnell die Hoffnung ein, es könnte sich ja auch um eine Entzündung der Prostata handeln, die ebenfalls zu einem Anstieg des PSA führt". Nach zwei Wochen Einnahme eines Antibiotikums ging der PSA-Wert erwartungsgemäß herunter: 2,8. Doch der Direktor der Urologischen Klinik im Klinikum Augsburg blieb skeptisch. Zu Recht: Ein dritter Kontrollwert betrug 3,8. "Ich war geradezu gekränkt, dass es ausgerechnet mich als Urologen getroffen hat, der doch diese Krankheit schon immer bekämpfte."

Nach der Erkenntnis kam für Rolf Harzmann die Phase der Niedergeschlagenheit. "Diese negative Stimmung kann ich nicht leugnen." Doch dann setzten die Überlegungen und das Bewusstsein ein, handeln zu müssen. In dieser dritten Phase folgerte der Urologe logisch: "Wenn es richtig ist, was ich meinen Patienten empfehle, dann stimmt das auch für mich". Richtige PCA-Diagnostik heißt in der Augsburger Urologie eine Biopsie, also eine Gewebeuntersuchung, ab einem PSA-Wert von 3 vorzunehmen. "Ganz ohne Sorgen ging es nicht, aber schließlich habe ich mich dazu entschlossen, und eine der zwölf Proben war tatsächlich positiv. Die Entscheidung, die dann fiel, war hart, aber ich wusste, dass ich es machen musste, weil es wiederum ganz logisch meinen Empfehlungen für die Patienten entsprach. Und so habe ich mich klar und deutlich für die Operation entschieden." Am 6. Juni 2002 unterzog sich Professor Rolf Harzmann im Alter von 59 Jahren einer offenen radikalen Prostatektomie. Vier Wochen später operierte er bereits wieder selbst.

Für die meisten der jährlich etwa 40 000 neu erkrankten Prostatakrebs-Patienten ist der Umgang mit der Krankheit ungleich schwerer. Ihr Dilemma beginnt schon bei der Diagnose. Der PSA-Wert, obwohl von der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. als Früherkennungs-Maßnahme empfohlen, bleibt auch nach 20 Jahren in der öffentlichen Diskussion umstritten. Die Hauptkritikpunkte: Männer würden durch erhöhte PSA-Werte unnötig geängstigt; man therapiere einen Krebs, der dem Patienten möglicherweise nie schaden würde.

"In Deutschland wird immer wieder Verunsicherung geschürt und Bedenkenträgerei gepflegt, statt einen großen Fortschritt wahrzunehmen, und der heißt PSA. Denn nur aufgrund der PSA-Wert-Bestimmung ist es möglich, das Prostatakarzinom im Frühstadium zu entdecken, früh zu operieren und damit heilen zu können. Gerade in den letzten Jahren haben sich sowohl der Umgang mit dem PSA als auch die Operationstechniken so verbessert, dass die Krankheit, früh erkannt, heute bis zu 90 Prozent heilbar ist. Wir sollten also von einer ausgesprochen positiven Entwicklung reden", so Professor Harzmann.

Bei der Therapieentscheidung setzt sich das Dilemma für viele Patienten fort. Denn: Für die Behandlung des Prostatakarzinoms gibt es viele verschiedene Optionen. Alle haben ihre ärztlichen Fürsprecher und alle werden auf Homepages von Krankenhäusern oder Medizinportalen "dem Patienten als vermeintlichem Kunden wie eine Ware angeboten. Das ist eine Seuche", urteilt Harzmann.

Neben der offenen radikalen Prostatektomie, der zurzeit in Deutschland am häufigsten durchgeführten Operationsmethode, und anderen zum Teil laparoskopischen Techniken zur Entfernung der Prostata gibt es eine Reihe neuerer, so genannter alternativer Behandlungsmethoden: Die Strahlenbehandlung von außen oder von innen (bei der über Hohlnadeln radioaktiv strahlende Seeds in die Prostata eingesetzt werden (Brachy-Therapie)), die Vereisung (Kryotherapie) und der hochfokussierte Ultraschall (HIFU). Letztere sind für den Patienten weniger belastend beziehungsweise vordergründig weniger beängstigend.

Dieser Umstand komme dem typisch männlichen Verhalten gegenüber einer Erkrankung entgegen. "Männer reagieren wie ein Torero, der dem Stier, sprich der Krankheit, ausweicht. Sie fürchten die Operation und suchen nach Alternativen, die sich ihnen scheinbar ja auch bieten", sagt der Augsburger Urologe. Und genau an dieser Stelle fordert er aufgrund seiner eigenen Erfahrung mehr Hilfestellung und Klarheit für die Patienten.

Für ihn gibt es in punkto Prostatakrebs klare Verhaltensregeln und ebenso eindeutige Kriterien bei der Wahl der richtigen Therapie. Und die sollte, so Harzmann, jeder Urologe seinen Patienten an die Hand geben. "Jeder Mann ab 45 Jahren sollte sich eigenverantwortlich jährlich einem PSA-Test unterziehen. Bei erhöhten Werten ist es die Aufgabe des Urologen, die Schwierigkeiten der PCA-Diagnostik mit dem Patienten zu besprechen. Basis jeder Therapieentscheidung sind der PSA-Wert, die Biopsie und das Ergebnis der Gewebeuntersuchung, der so genannte Gleason score. Dabei muss der Patient wissen, dass der Organmarker PSA erhöht sein kann, ohne dass ein Tumor vorhanden ist, dass er aber auch falsch erniedrigt sein kann und deshalb immer auch eine rektale Tastuntersuchung vorgenommen werden muss. Eine Biopsie", so Harzmann weiter, "sollte bei einem PSA ab 3 erfolgen. Dabei gilt es, unter Berücksichtigung moderner Schemata auf beiden Seiten der Prostata mindestens je sechs Proben zu entnehmen. Der Gleasonwert als drittes Entscheidungskriterium betrifft die Beurteilung der Gewebeproben hinsichtlich der Tumoreinstufung durch den Pathologen."

Der Patient müsse, sagt der renommierte Urologe, allerdings wissen, dass diese klinisch erhobenen Werte keine ausreichende Sicherheit bieten. "So gelten PSA unter 10 und Gleason unter 7 als Kriterium für alternative Therapien. Große Studien haben aber gezeigt, dass die klinischen Werte in bis zu 80 Prozent postoperativ nach oben korrigiert werden müssen. In der Konsequenz bedeutet dies, dass nur eine Operation endgültige Sicherheit verschafft."

Professor Harzmann rät seinen Patienten daher, bis etwa zum 75. Lebensjahr die Chance zu suchen, sich durch eine Operation inklusive gleichzeitiger Entfernung der Lymphknoten heilen zu lassen. "Die Operationszeiten betragen heute etwa drei Stunden, der Blutverlust ist gering und auch die gefürchteten Nebenwirkungen Inkontinenz und Impotenz haben ihre Schrecken verloren. Gute Kliniken haben eine Kontinenzrate von 95 Prozent und können die Potenz abhängig von dem, was der Tumor zulässt, in den meisten Fällen erhalten." Selbsthilfegruppen hält Rolf Harzmann, anders als das Internet, für exzellente Begleiter und wichtige Informationsquellen für Betroffene - auch hinsichtlich der Wahl der Klinik.

Der Patient Harzmann wählte mit der ihm eigenen Konsequenz die Operation und die Augsburger Klinik für die Behandlung. "Ich bin gesund und habe diese Entscheidung nie bereut!", sagt der 63-Jährige, der vor wenigen Wochen beschloss, die eigene Krankengeschichte öffentlich zu machen. "Ich möchte Mut machen, zeigen, dass auch ein Urologe Prostatakrebs bekommt, und offenlegen, wie er damit umgeht. Welche bessere Nagelprobe aller Behandlungsmöglichkeiten könnte es geben als die persönliche Entscheidung eines Urologen? Als Präsident des Deutschen Grünen Kreuzes e. V. (DGK), das sich seit 50 Jahren um medizinische Aufklärung der Bevölkerung bemüht, sehe ich meinen Schritt in die Öffentlichkeit als Verpflichtung und als große Chance, etwas für die Akzeptanz der PSA-Diagnostik und auch der Prostatakrebs-Prävention zum Beispiel durch gesunde, mediterrane Ernährung zu bewegen."

Und der Urologe Harzmann weiß: "Wenn ich heute die Diagnose Prostatakrebs mitteilen muss, kann ich besser mit den Patienten umgehen als vor meiner Erkrankung, weil ich die Ängste, die ich natürlich auch vorher schon verstanden habe, jetzt deutlicher nachempfinden und meine Therapieempfehlung besser auf den Punkt bringen kann."

Aktuelle Diagnostik und Therapie des Prostatakarzinoms gehören selbstverständlich zu den Schwerpunktthemen der 58. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V., die vom 20. bis 23. September im Hamburger Congress Center stattfindet. Dort wird sich Professor Harzmann im Pressezentrum den Fragen von interessierten Ärzten und Journalisten stellen.

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