Autor: Redaktion|Veröffentlicht am 10. Dezember 2012|Aktualisiert am 06. April 2017

Unfruchtbar? - Neue WHO-Richtlinie zur Ejakulatuntersuchung bringt betroffenen Männern mehr Diagnose-Sicherheit

Düsseldorf, 05.05.2012. Zeugungsfähig oder nicht? Die Untersuchung des Ejakulats hat einen zentralen Stellenwert bei der Diagnose der männlichen Unfruchtbarkeit. Die neue Richtlinie zur Ejakulatuntersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt inzwischen in deutscher Übersetzung vor und muss bis 2013 verpflichtend umgesetzt werden. „Damit wird flächendeckend ein hoher Qualitätsstandard in andrologischen Laboren etabliert und Vergleichbarkeit erreicht“, sagt Prof. Dr. Sabine Kliesch, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V.. Für die betroffenen Männer bedeute das mehr Sicherheit bei der Abklärung der Ursachen der männlichen Infertilität, in deren Folge gezielte therapeutische Maßnahmen zur Kinderwunschbehandlung eingeleitet werden können, so die Urologin und Andrologin, die den Vorsitz der Fachgruppe Ejakulatuntersuchung der Bundesärztekammer innehat.
 
Etwa jedes sechste Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Die Ursachen dafür liegen zu gleichen Teilen bei Mann oder Frau oder bei beiden, weshalb bei unerfülltem Kinderwunsch immer auch die Rolle des Mannes berücksichtigt werden muss. Prof. Kliesch: „Mindestens sieben Prozent aller Männer im fortpflanzungsfähigen Alter haben zeitweise Probleme mit der Zeugungsfähigkeit.“ Dafür können zum Beispiel Hodenhochstand im Kindesalter, Hormonstörungen, eine Infektion der Samenwege, Krampfadern im Hoden, genetische Ursachen oder andere Allgemeinerkrankungen verantwortlich sein. Auch Nikotin, Stress, Alkohol, Übergewicht, Umwelteinflüsse, Drogen, Doping mit anabolen Steroiden oder Medikamenteneinnahme können die männliche Fruchtbarkeit negativ beeinflussen.
 
Zur Diagnose dienen der Ultraschall des Hodens, eine Blutuntersuchung zur Bestimmung des Hormonhaushalts und eben die Analyse einer Samenprobe, die unter anderem die Parameter Volumen und pH-Wert des Ejakulats sowie Gesamtzahl, Konzentration, Beweglichkeit, Form und Vitalität der Spermien erfasst. Die Untersuchung erfolgt nun nach den strengen Kriterien der fünften und neuesten Überarbeitung der WHO-Richtlinie von 2010, die inzwischen im „WHO Laborhandbuch“ übersetzt wurde und Grundlage der aktuellen Richtlinie der Bundesärztekammer zur Qualitätssicherung laboratoriumsmedizinischer Untersuchungen ist. Für die Bewertung der genannten Parameter der Ejakulatanalyse legt die WHO-Richtlinie neue untere Grenzwerte fest. Sie beruhen erstmals auf evidenzbasierten Daten, die in einer weltweiten Studie (T.G. Cooper et al.) mit mehr als 4500 Männern aus 14 verschiedenen Ländern auf vier Kontinenten erhoben wurden und deutlich unter den vorigen Richtwerten von 1999 liegen. „Männer, deren Samenqualität unterhalb der Referenzwerte liegt, werden mit großer Wahrscheinlichkeit Schwierigkeiten haben, eine spontane Schwangerschaft auszulösen“, so die Chefärztin des Centrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie (CeRA) in Münster. Darüber hinaus macht die WHO neue Vorgaben bei der Spermienpräparation und legt Mindestanforderungen für die Qualitätssicherung in andrologischen Laboren in Form einer internen und externen Qualitätskontrolle fest.
 
„Zur schnellen Umsetzung der Richtlinie initiieren die DGU und die Deutsche Gesellschaft für Andrologie e.V. (DGA) bereits seit 2011 bundesweite Fortbildungen“, unterstreicht Prof. Kliesch, deren Klinik WHO Kollaborationszentrum und WHO Referenzlabor in Deutschland ist. In der Übergangsfrist bis 2013 rät sie den Betroffenen, im Einzelfall nachzufragen, ob die Ejakulatanalyse nach dem WHO-Standard 2010 erfolgt.
Männern mit eingeschränkter Samenqualität macht die Urologin Mut: „Selbst bei der schwersten Form der Unfruchtbarkeit, wenn keine Spermien im Ejakulat vorhanden sind, lassen sich bei rund 50 Prozent der Betroffenen Spermien operativ aus dem Hoden gewinnen. Sie können eingefroren und zur künstlichen Befruchtung verwendet werden.“ In Deutschland nehmen jährlich rund 200 000 Paare eine reproduktionsmedizinische Behandlung in Anspruch. Über alle Verfahren gesehen, kommt es in 29 Prozent zu einer Schwangerschaft; die Baby-Take-Home-Rate liegt bei knapp 20 Prozent. Die Kosten für die ersten drei Behandlungszyklen werden zur Hälfte von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Aktuell wird ein Gesetzesentwurf diskutiert, wonach der Bund die Kinderwunschbehandlung künftig zu einem Viertel mitfinanziert und sich der Eigenanteil der Paare von 50 auf 25 Prozent reduzieren würde.
 
Nichtrauchen ist der beste Schutz vor männlicher Unfruchtbarkeit. „Rauchen senkt die Befruchtungsrate um die Hälfte.“ Die Wirkung von Nahrungsergänzungsmitteln auf die Samenqualität bleibe, trotz positiver Ergebnisse einer Cochrane-Übersichts-Studie aus dem Jahr 2011, unter Experten umstritten, betont die DGU-Pressesprecherin.

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