Autor: Redaktion|Veröffentlicht am 19. Oktober 2011|Aktualisiert am 06. April 2017

„Die große Bühne ist nicht immer das politische Forum, sondern der gelebte Alltag in Klinik und Praxis!“

DGU-Präsident Prof. Joachim Steffens.

Interview mit DGU-Präsident Prof. Dr. Joachim Steffens nach 100 Tagen im Amt.

Herr Professor Steffens, welche Erfahrungen haben Sie in den ersten 100 Tagen im Amt des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) gemacht?

Die Präsidentschaft ist für mich eine ehrenvolle Aufgabe und stellt nach zehn Jahren persönlichen Engagements im Berufsverband der Deutschen Urologen e.V. (BDU) und in der DGU eine Auszeichnung dar. Die ersten 100 Amtstage waren geprägt von der Erarbeitung des vorläufigen Programms für die 63. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Urologie, der Begehung des erweiterten Kongresszentrums in Hamburg und der Festlegung programmatischer Schwerpunkte. Meine hohe Motivation gilt zwei Schwerpunkten: Erstens dem Talentmanagement, um dem dringend notwendigen Nachwuchs Zukunftsperspektiven und ein modernes urologisches Berufsbild vermitteln zu können und zweitens der Qualifizierung für uroonkologische Kompetenz.

Welchen Anspruch haben Sie an sich: Sehen Sie sich vorrangig als ersten Repräsentanten Ihrer Fachgesellschaft oder als „politischen“ Präsidenten mit einer aktiven Führungsrolle?

Als Repräsentant meiner Fachgesellschaft verstehe ich mich auch als ein "politischer" Präsident, der Sensibilität für die gegenwärtigen Probleme der deutschen Urologen entwickelt und begriffen hat, dass es einer Reaktion auf verunsicherte und enttäuschte Kollegen angesichts davon schwimmender Teilgebiete unseres Faches bedarf. Die DGU- und BDU-Mitgliederversammlungen beim letzten DGU-Kongress in Düsseldorf haben gezeigt, dass die Basis in einem erschreckenden Maße elektrisiert und mobilisiert war, da vor allem die Uroonkologie vielerorts von Hämatoonkologen besetzt wurde. Lähmungen und Polarisierung sind aber kein geeignetes Rezept, um unser Fach aus dieser Krise herauszuführen. Trotz der politischen Vorgaben, im nationalen Krebsplan die Comprehensive Cancer Center (CCC) und onkologischen Zentren einer hämatoonkologischen Leitung zu unterstellen, müssen wir Urologen Flagge zeigen und unsere onkologische Kompetenz demonstrieren.

Heißt das, jeder Einzelne muss in der Uroonkologie Flagge zeigen?

Es gelingt nur, wenn wir eigene Forderungen mit Inhalten füllen und Kompetenzen durch Fortbildung, curriculäre Weiterbildungspläne und Zusatzweiterbildungen erwerben. In den Tumorkonferenzen muss der Urologe zeigen, dass er die aktuellen Therapieverfahren kennt und individualisierte Behandlungsindikationen stellen kann. Nur dann wird er sich den Respekt und die Anerkennung des Hämatoonkologen verschaffen können. Die politisch geforderte Interdisziplinarität wird so nicht zur Einbahnstraße, sondern zum Zubringer für eine kompetente Versorgung. Im nationalen Krebsplan wird zudem die Weiterentwicklung onkologischer Versorgungsstrukturen sowie Qualitätssicherung gefordert. Dies kann uns Urologen gelingen, wenn wir Versorgungsforschung leisten und Verbundstrukturen wie z.B. in einem Prostatakarzinomzentrum nutzen, um sektorenübergreifend Netzwerke mit niedergelassenen Urologen zu schaffen, Patientenverläufe und Nachsorgedaten zu analysieren und zu publizieren.

Was gehört noch zu einer uroonkologischen Leitfunktion?

Leitfunktion in der Uroonkologie bedeutet auch, sich den erforderlichen Landesärztekammer-Prüfungen für "Medikamentöse Tumortherapie" zu unterziehen und Weiterbildungsermächtigungen zu erwerben, um das Ansehen der eigenen Abteilung oder Praxis zu erhöhen und dadurch die Attraktivität für den Nachwuchs zu steigern. Mir ist bewusst, dass in unserem föderalen Land regional große Unterschiede und auch Widerstände bei der Umsetzung dieser Forderungen bestehen. Deshalb ist es wichtig, dass viele von uns aus Praxis und Klinik berufspolitische Ehrenämter übernehmen, um Schaltstellen in den Organen der ärztlichen Selbstverwaltung zu besetzen. Nur so können wir unseren Anliegen Gehör verschaffen.

Welche Möglichkeiten hat ein DGU-Präsident, langfristige Weichen zu stellen?

Als DGU-Präsident bietet sich die Chance, Initiativen zur Weiterentwicklung unseres Faches zu ergreifen. Aufgrund der begrenzten Amtszeit ist es wichtig, in enger Abstimmung mit den folgenden Präsidenten daran zu arbeiten, Kernkompetenzen unseres Faches zu stärken. Deshalb ist der wiederholte Aufruf, eine fundierte Aus- und Weiterbildung zu vermitteln, Zusatzweiterbildungen zu erwerben, bei der Erarbeitung wissenschaftlicher Leitlinien mitzuarbeiten, Studienleitungen zu übernehmen und in den wissenschaftlichen Gremien mitzuwirken, zukunftssichernd. Ein Präsident kann jedoch nur die Richtung vorgeben und Vorbildfunktion ausüben. Die Umsetzung der Forderungen ist jedem Einzelnen überlassen und er muss an ihrer Umsetzung arbeiten. Die große Bühne ist dabei nicht immer nur das politische Forum, sondern der gelebte Alltag in Klinik und Praxis. Viele Kämpfe werden an der Heimatfront gewonnen. Das bedeutet, dass die genannten Forderungen im Alltag umgesetzt werden müssen. So verstehe ich mich als Weichensteller, um durch mehr Nachhaltigkeit auch unserem Nachwuchs ein urologisches Profil zu geben.

Mit welcher Intention haben Sie das Motto für den 63. DGU-Kongress in Hamburg gewählt?

Das Kongress-Motto lautet: "Zukunft sichern – uroonkologische Kompetenz aus einer Hand und Talente fördern." Aufgrund der aktuellen berufspolitischen Entwicklung habe ich das Motto zweigeteilt. Der zweite Untertitel wird der größten Herausforderung der Medizin gerecht. Denn der Nachwuchsmangel betrifft alle Sparten unseres Berufes. Mangelnde Attraktivität aufgrund hoher und familienunfreundlicher Arbeitsbelastung und die Selbständigkeit des Arztberufes in Frage stellende politische Rahmenbedingungen haben zu einer dramatischen Veränderung auf dem Stellenmarkt geführt. Deshalb ist es mir ein großes Anliegen, angehende Ärzte für unser Fach zu begeistern. Beim nächsten DGU-Kongress wird deshalb erstmals die "Juniorakademie" in das Programm aufgenommen. Dort sollen den Studenten im letzten Studienjahr und den Jungassistenten Zukunftsperspektiven und das Berufsbild des Urologen vermittelt werden. Experten unseres Fachgebietes werden konkrete Handlungsanweisungen und Möglichkeiten zur Qualifizierung darstellen. So soll die Leidenschaft für unser Fach auf die angehenden und jungen Kollegen übertragen werden. Die Faszination unseres Fachgebietes muss jedoch auch im Alltag vorgelebt werden. In der Hektik des Alltags in Praxis und Klinik müssen wir immer wieder versuchen, jungen, motivierten Kollegen unser Wissen zu vermitteln, praktische Empfehlungen für Ihren beruflichen Werdegang zu geben und Anleitungen für akademische und wissenschaftliche Qualifikationen vermitteln. Nachwuchsmangel und Zukunftssicherung in der Uroonkologie sind für mich die beiden zentralen Themen während meiner Präsidentschaft.

Wie wird sich das Motto im Kongress-Programm spiegeln?

Im Eröffnungsplenum wird sich das Kongressmotto mit seinen beiden Aspekten widerspiegeln. Experten werden über die Möglichkeiten zur Qualifizierung in der Uroonkologie und sektorübergreifende Kooperationsformen zwischen Praxis und Klinik sprechen. Danach folgt ein Exkurs über Talentmanagement. Hier können wir von der Wirtschaft lernen. Deshalb habe ich einen persönlichen Freund und Wirtschaftkapitän eines bekannten deutschen Unternehmens gebeten, bewährte Konzepte auf die Medizin zu übertragen. Die Juniorakademie wird unter der Schirmherrschaft der Akademie der Deutschen Urologen und der GeSRU stehen. Letztere bemüht sich erfolgreich seit Jahren, dank attraktiver Mentoring-Programme den Nachwuchs zu begleiten. Gemeinsam mit dem Arbeitskreis der Leitenden Krankenhausärzte des Berufsverbandes plane ich ein Management-Programm, in dem Führungsqualifikationen erworben werden sollen. Denn es reicht heute nicht mehr, Wissen nur zur erwerben, man muss es auch erfolgreich anwenden.
Darüber hinaus ist unser Partner heute nicht mehr nur der Patient, sondern auch die Geschäftsführung der Kliniken. Hier müssen wir nicht nur als Ärzte, sondern auch als im Management erfahrene Führungspersönlichkeiten überzeugen.

Die gemeinsame Pressestelle von DGU e.V.  und BDU e.V. dankt Professor Dr. Steffens für das Gespräch.

03.01.2011

Kontakt:

DGU/BDU-Pressestelle
Bettina-Cathrin Wahlers
Sabine M. Glimm

Stremelkamp 17
21149 Hamburg
Tel.: 040 - 79 14 05 60
Mobil: 0170 - 4 82 72 87
Fax: 040 - 79 14 00 27
info(at)wahlers-pr.de

www.dgu-kongress.de

 

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