Autor: Redaktion|Veröffentlicht am 04. Januar 2011|Aktualisiert am 06. April 2017

Komplementärmedizin in der Urologie

Professor Dr. Claus Fischer, der Vorsitzende des DGU-Arbeitskreises Prävention, Umwelt- und Komplementärmedizin.

Jeder vierte Krebspatient in Deutschland ist an einem urologischen Tumor erkrankt. Wie viele andere Krebskranke wollen auch die Urologie-Patienten ihre Therapien gern positiv unterstützen. Dabei wird bevorzugt an Verfahren aus der Naturheilkunde gedacht, die vermeintlich sanft und arm an Nebenwirkungen sind. Um der Bedeutung der Komplementärmedizin in der Urologie Rechnung zu tragen, hatte die Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) bereits vor Jahren einen entsprechenden Arbeitskreis gegründet. Dort wird die unüberschaubare Flut an naturheilkundlichen Angeboten und Empfehlungen durchaus kritisch gesehen, denn oft mangelt es an der notwendigen Seriosität.  

Komplementärmedizin versteht sich, dem Wortsinn entsprechend, als Ergänzung konventioneller medizinischer Therapien, nicht als deren Ersatz. Professor Dr. Claus Fischer, der Vorsitzende des DGU-Arbeitskreises Prävention, Umwelt- und Komplementärmedizin, zieht die Grenze zwischen Komplementärmedizin und der Grauzone diverser alternativer Heilpraktiken besonders in der Darlegung ihrer Verfahren: „Wer seine Methoden oder Präparate nicht der wissenschaftlichen Diskussion stellt, nicht die Gelegenheit gibt, sie nachzuvollziehen, zu überprüfen und eigene Schlüsse daraus zu ermöglichen, der hat Gründe dafür.“ Wer so vorgehe und sich konventionellen medizinischen Anforderungen versperre, disqualifiziere sich als Gesundheitsanbieter selbst. Seriöse Komplementärmedizin sei ein Bereich der wissenschaftlichen Medizin.

Der Blick ins Internet vermittelt einen Eindruck von dem gigantischen Markt dubioser Gesundheitsangebote. Fischer: „Je mehr vermeintliche Tabus einer Erkrankung anhaften und je verzweifelter ein Patient ist, desto mehr Heilsbringer bieten ihre Dienste an.“ In der Urologie betreffe dies in besonderem Maße die Impotenz. Tausende Männer hätten für viel Geld leidvoll erfahren, dass diese Angebote – Nahrungsergänzungsprodukte und sonstige Substanzen – unter dem Strich nicht funktionierten. In Zeiten von Viagra und Co. brauche niemand dubiose Präparate aus dem Internet. Auch bei der Inkontinenz gibt es laut Fischer einen gewissen Markt fragwürdiger Hilfsmittel und unwirksamer Medikamente. Er führe dazu, dass die Betroffenen, oft ältere Frauen, meistens erst dann zum Urologen gingen, nachdem sie eine Palette alternativer Methoden durchprobiert und deren fehlende Wirksamkeit erfahren hätten. 

„Wenn wir über Komplementärmedizin in der Urologie reden, dann in erster Linie über das Prostatakarzinom, die häufigste Krebsart in unserem Fach. Bei anderen urologischen Erkrankungen ist die wissenschaftliche Datenlage heute einfach noch zu dünn. Aber das kann in zehn Jahren schon anders aussehen“, sagt Fischer. Nach Ansicht des Chefarztes der Urologie im Klinikum Bayreuth kann Komplementärmedizin einerseits zum wissenschaftlichen Verständnis von Prostatakrebs beitragen und andererseits zur Prävention. Dabei stehen besonders Konzepte zur richtigen Ernährung im Vordergrund. Fischer: „Das gilt sowohl für die Primärprävention, also die Verhütung eines Krebses, als auch für die Sekundärprävention, um eine bestehende Erkrankung günstig zu beeinflussen.“ Homöopathie, alternativmedizinische Verfahren von Magnetfeld- bis Bach-Blütentherapie, aber auch Akupunktur spielten in der Urologie praktisch keine Rolle. 

Zentrale Bedeutung hat die wissenschaftliche Betrachtung der vorbeugenden Wirkung von chemisch definierten Substanzen. Eine der größten Untersuchungen, auf der viele Erwartungen ruhten, war die SELECT-Studie (Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial). Mehr als 35.000 Männer ab 50 Jahren hatten seit 2001 an dieser US-Studie teilgenommen, die nachweisen sollte, dass mit Vitamin E und dem Element Selen Prostatakrebs vorgebeugt werden kann. Im Oktober 2008 wurde die Studie vorzeitig abgebrochen, da sich in einem Zwischenbericht nicht die erhofften Ergebnisse, sondern im Gegenteil zwei alarmierende Trends abzeichneten: Es konnte nicht ausgeschlossen werden, dass die täglich verabreichten 400 Milligramm Vitamin E das Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken, begünstigten, statt es zu senken. Und die 200-Mikrogramm-Tagesdosis Selen geriet in den statistischen Verdacht, das Diabetesrisiko zu erhöhen. 

„Man darf nicht glauben, dass Komplementärmedizin von sich aus gut und harmlos ist“, sagt Fischer. Er verweist auf die USA, wo es eine unüberschaubare Zahl frei erhältlicher Präparate gibt, die in Europa kaum eine Zulassung erhielten. Weil dort sehr viel gekauft und unkontrolliert geschluckt werde, komme es entsprechend häufig zu ernsthaften Nebenwirkungen und Komplikationen, die teilweise sogar zu Todesfällen führten. Manche pflanzlichen Substanzen seien so giftig, dass sie erst in chemisch abgewandelter Form genutzt werden könnten, etwa für Chemotherapien. Und wenn selbst Vitaminen in höherer Dosierung erhebliche Risiken attestiert werden, erklärt sich, warum auch von naturheilkundlicher Selbstmedikation abgeraten wird. Auf der sicheren Seite vor unerwarteten Wechselwirkungen sei man nur, wenn der behandelnde Arzt über jede komplementäre Therapieunterstützung informiert ist, besser noch, sie selbst empfohlen hat. Denn sogar der Placebo-Effekt, der bei allen, auch definitiv wirkungslosen therapeutischen Aktionen wirkt, funktioniert laut Prof. Fischer gleichermaßen für Nebenwirkungen. 

Seit den 1990er-Jahren häuften sich wissenschaftliche Veröffentlichungen über die Suche nach einfachen Mitteln, um Krebs, besonders dem Prostatakarzinom, vorzubeugen. Nach dem Motto, es ist besser, Krebs zu verhindern, als Krebs zu heilen, wurde besonders in den USA intensiv geforscht. Ernährung und Nahrungsergänzung bildeten dabei einen der Schwerpunkte.  

Eine viel beachtete Studie kam 2003 aus Griechenland: Die als besonders gesund geltende mediterrane Ernährung wurde in Bezug zur Lebenserwartung gesetzt. Prof. Antonia Trichopoulou stellte fest, dass eine dauerhafte Ernährung nach den Prinzipien der so genannten Mittelmeer-Diät – viel pflanzliche Kost und ungesättigte Fette des Olivenöls, öfter Fisch als Fleisch und weitgehender Verzicht auf gesättigte Fette – das Leben eines 60-jährigen Mannes um etwa ein Jahr verlängern kann. Auch wenn die mediterrane Ernährung in ihrer ursprünglichen Form und Wirkung kaum noch anzutreffen ist, weil die Qualität verfügbarer Lebensmittel sich verändert hat und weil auch am Mittelmeer schon länger Fastfood konsumiert wird, so zeigt die Studie nach Ansicht von Prof. Fischer doch die wesentliche Bedeutung einer ausgewogenen Ernährung für den menschlichen Organismus. Wunder dürfe man jedoch nicht erwarten. „Die insgesamt negativen Auswirkungen von Nikotin, Alkohol, Stress und Bewegungsmangel kann auch eine gesunde Ernährung nicht kompensieren. Es funktioniert nicht, das komplizierte Regelwerk des menschlichen Körpers nur durch einen einzelnen Faktor positiv beeinflussen zu wollen“, sagt Fischer.  

Auch den Gedanken, Ernährungssünden mit Nahrungsergänzungsmitteln zu begegnen, winkt der Bayreuther Chefarzt gleich ab. Langfristig stellten sie keinesfalls einen Ersatz für eine gesunde Ernährung dar. Denn benötigte Vitamine und Spurenelemente würden durch natürliche Lebensmittel weit besser vom Körper aufgenommen. Außerdem enthielten viele Nahrungsergänzungsmittel einen ganzen Cocktail von Substanzen, von denen einige leicht in unerwünschte Wechselwirkung zu bestehenden Therapien treten könnten.   

Lange Zeit galt die Tomate wegen ihrer hohen Lycopin-Konzentration als Hoffnungsträger bei der Prävention von Krebs. Eine Studie des Nationalen Krebsinstituts der USA von 2007 konnte jedoch keinen Zusammenhang zwischen dem Carotinoid Lycopin und der Häufigkeit von Krebs feststellen. Im Gegenteil wiesen die Forscher nach, dass Beta-Carotin, ein Lycopin-verwandter Oxidationshemmer, das Risiko für Prostatakrebs erhöhen kann. Aber selbst wenn Lycopin eine schützende Wirkung für die Körperzellen hat, „so kann man nicht erwarten, dass ein paar Tomaten Noxen durch einen körperlich und psychisch ungesunden Lebenswandel ausgleichen können“, sagt Fischer. Hier müsse man ganzheitlich agieren. Die so genannte Ordnungstherapie könnte ein Weg sein. Dabei geht es um die Entwicklung von gesunden Regelmäßigkeiten im eigenen Leben. Körper und Geist sollen in einen geordneten Rhythmus von Aktivität und Ruhe gebracht werden, der den individuellen Bedürfnissen entspricht. Die Ordnungstherapie, die als ganzheitliches Gesundheitstraining verstanden wird, hat eine lange Tradition. 

Die Möglichkeiten der Komplementärmedizin in der Urologie sind vielfältig. Prof. Fischer geht davon aus, dass etwa die Hälfte der Urologen ihren Patienten entsprechende Informationen anbieten kann, hauptsächlich zu gesunder Ernährung. Nach seiner Kenntnis werde von Seiten der Patienten eher seltener gezielt nach ergänzenden Therapieoptionen gefragt. Das liege wohl in erster Linie daran, dass der typische urologische Patient noch zu den Generationen gehört, in denen das Bewusstsein für komplementäre Verfahren und gesunde Ernährung nie besonders ausgeprägt war. 

In seinem Ausblick auf die Zukunft der Komplementärmedizin in der Urologie setzt Prof. Fischer auf weitere Forschungen. Die Reaktion mancher Kollegen auf den Abbruch der SELECT-Studie, nämlich die gesamte komplementäre Bewegung praktisch zu begraben, hält er für falsch. Alle vielversprechenden Ansätze müssten weiterhin vorbehaltlos betrachtet und geprüft werden, und komplementäre Verfahren müssten bei Wirksamkeit weiter als Säulen des therapeutischen Spektrums etabliert werden. Letztlich müsse es unerheblich sein, ob eine Therapie aus der Komplementär- oder aus der Schulmedizin komme, solange sie dem Patienten helfe. Unter diesen Vorzeichen soll Komplementärmedizin denn auch beim 62. DGU-Kongress vom 22. bis 25. September 2010 (www.dgu-kongress.de) in Düsseldorf ein Thema sein. 

Autor: Matthias Heining

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