Harnblasenkarzinom

Autor: Dr. Arne Tiemann|Veröffentlicht am 26. März 2008|Aktualisiert am 08. August 2016

Häufigkeit

An Harnblasenkrebs erkrankten in Deutschland im Jahr 2010 etwa 21.550 Männer und 7.240 Frauen (Robert-Koch-Institut, www.krebsdaten.de). Somit tragen Männer aktuell ein fast dreifach so hohes Risiko, an einem Harnblasenkrebs zu erkranken.

Bei Männern steht der Harnblasenkrebs auf Platz 5 der Häufigkeitsskala von Krebserkrankungen in der Bundesrepublik Deutschland. Das Lebensalter von Männern beträgt bei der Diagnosestellung im Schnitt 72 Jahre, bei Frauen etwa 74 Jahre. Die meisten Harnblasenkrebserkrankungen werden in frühen Stadien entdeckt.

Entstehung

Der Hauptrisikofaktor für die Entstehung von Harnblasenkrebs ist nach wie vor das Rauchen, wobei auch das Passivrauchen das Risiko der Entstehung einer Blasentumorerkrankung erhöht. Harnblasenkrebs gilt nach dem Bronchialkrebs als die zweithäufigste Krebserkrankung bei Rauchern.

Daneben sind aber auch Beschäftigte in der Farbstoffindustrie, in der chemischen und petrochemischen Industrie und in Teer verarbeitenden Betrieben stark gefährdet (Aromatische Amine). Über 50 verschiedene chemische Substanzen werden für die Entstehung von Harnblasenkrebs verantwortlich gemacht. Bei Berufstätigen, die zum Beispiel einen chronischen Kontakt mit entsprechenden Chemikalien nachweisen können und an einem Harnblasenkrebs erkranken, kann dieser von der jeweiligen Berufsgenossenschaft als Berufserkrankung anerkannt werden.

Zwischen dem Kontakt mit krebserregenden Stoffen und dem Auftreten des Harnblasenkrebses kann eine sehr lange Zeitspanne liegen. So können bis zu 40 Jahre vergehen, ehe erste Krankheitsanzeichen auftreten.

Weitere mögliche Risikofaktoren sind eine früherer Einnahme von Phenacitin (Schmerzmittel, heute nicht mehr auf dem Markt) in hohen Dosen, möglicherweise Zytostatika im Rahmen von vorherigen Krebstherapien und vorausgehende Strahlentherapien im Bereich der Blase und Becken.

Im Jahr 2013 stufte die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) Pioglitazon, ein Antidiabetikum, als wahrscheinlich krebserregend (Gruppe 2A) in Bezug auf Blasenkrebs ein.

In tropischen und subtropischen Ländern (z.B. Ägypten) kann das Harnblasenkarzinom als Spätfolge einer Bilharziose auftreten. Diese Erkrankung wird durch einen im Süßwasser lebenden Parasiten hervorgerufen, welcher durch die Haut in einen Menschen eindringen kann und im Körper des Wirtes (z.B. Harnblasenwand) überlebt und das Risiko einer Blasenkrebserkrankung erhöhen kann. Touristen, die betroffene Länder bereisen, können sich durchaus mit diesem Erreger infizieren. Eine effektive medikamentöse Therapie steht zur Behandlung der Parasiteninfektion zur Verfügung.

Krankheitszeichen

In frühen Stadien macht Harnblasenkrebs kaum Beschwerden. Acht von zehn Betroffenen nehmen Blutspuren im Urin wahr (Hämaturie). Auch eine Dunkelfärbung des Urins ist möglich. Eine Hämaturie ist in der Regel schmerzlos. Häufiger Harndrang (Pollakisurie) kommt vor, wobei jedoch oft nur eine geringe Menge Harn entleert wird. Sämtliche Beschwerden können zwar auf eine bösartige Erkrankung der Harnblase hinweisen, aber ebenso Anzeichen für eine andere Erkrankung im Harnblasen- und Nierensystem (z.B. bakterielle Harnwegsinfektion) sein.

Zweifelsfreie Klärung ist nur durch einen Besuch beim Urologen möglich, da dieser die entsprechenden Untersuchungsverfahren durchführen und einleiten kann.

Untersuchung

Die Grunduntersuchungen bei einer Blutbeimengung im Urin können in der Regel ambulant beim Urologen durchgeführt werden. Wesentliche Bestandteile hierbei sind eine Urinuntersuchung, eine Ultraschalluntersuchung, eine Blasenspiegelung (siehe dort) und die Veranlassung einer Röntgenuntersuchung der Nieren und der Harnleiter.

Sollte hierbei ein auffälliger Befund in der Harnblase festgestellt werden, wird der Urologe die Entnahmen einer Gewebsprobe, sowie nach Möglichkeit die operative Entfernung der Geschwulst empfehlen.

Dieser Eingriff erfolgt in Narkose (Vollnarkose oder Spinalanästhesie) und wird in einer urologischen Klinik und Belegabteilungen durchgeführt. Der Urologe spricht von einer Transurethralen Blasentumorresektion (TUR-BT, siehe unten). Der Eingriff dauert zumeist zwischen 20 und 60 Minuten und ist mit einem Krankenhausaufenthalt von ca. 2-4 Tagen verbunden.

Bei optisch schwer erkennbaren Harnblasentumoren, kann der Einsatz eines speziellen Färbemittels (z.B. Hexaminolävulinsäure - Hexvix®) hilfreich sein. Eine solche Substanz färbt die Auffälligen und evtl. tumortragenden Bereiche der Blase an, sodass eine Biopsie gezielter entnommen und Tumore vollständiger entfernt werden können. Das Mittel wird ca. 1 Stunde vor der Operation über einen Katheter in die Blase gespritzt. Während der Operation kann dann unter Verwendung von speziellem blauen Licht eine rötliche Fluoreszenz ist tumortragenden Gebieten beobachtet werden und die Proben dann gezielt aus diesem Bereich entnommen werden. 

Nach Erhalt der Ergebnisse vom Pathologen, welcher die Gewebsproben unter einem Mikroskop untersucht hat, kann der Urologe mit dem Patienten das weitere Vorgehen besprechen. Dies hängt somit vom pathologischen Ergebnis und vom sichtbaren Befund während der Operation ab und ist mit jedem Patienten individuell zu diskutieren. 

Tumormarker im Blut wie sie bei Hoden- oder Prostatakrebs bestimmt werden, stehen für Blasenkrebs nicht zur Verfügung. Es gibt Testverfahren zur Blasenkrebsfrüherkennung welche sich auf eine Urinuntersuchung beschränken. Hierzu zählen Combur-Urinstix und die Urinzytologie.

Ein Combur-Urinstix hilft dem Urologen einzuschätzen, ob ein Harnwegsinfekt vorliegt oder noch Blut im Urin zu finden ist, welches mit dem bloßen Auge nicht erkannt werden kann. Ein direkter Hinweis auf einen Blasentumor lässt diese Untersuchung nicht zu.

Eine Urinzytologie kann insbesondere bei oberflächlichen Blasentumoren mit einem hohen Rezidiv-und Progressionsrisiko zur Diagnostik und Nachsorge eingesetzt werden und sinnvoll sein.

Zunehmend häufiger werden Schnelltestverfahren wie z.B. der NMP22-Test eingesetzt. Ein positives Testergebnis kann dabei einen Hinweis auf eine bestehende Blasenkrebserkrankung liefern, jedoch kann auch ein positives Testergebnis bei einem gesunden Patienten auftreten. Dies nennt man dann „falsch positiv“. Ein solches Ergebnis kann zu viel Unsicherheit auf Seiten des Patienten und zu einer Kette von Folgeuntersuchungen führen. Dies sollte vor Verwendung des Testes beachtet werden.

Eine Blasenspiegelung ersetzt der Test nicht, kann aber unter Umständen die Diagnostik ergänzen.

Der oberflächliche Harnblasenkrebs

Harnblasenkrebs entsteht in der Regel in der oberflächlichen „Schleimhaut“ der Blase. Für die Behandlung ist entscheidend, ob sich ein Tumor auf die Blasenschleimhaut und die darunter liegende Schicht beschränkt, oder ob die tiefer gelegenen Muskelschichten der Harnblase mit betroffen sind.

Die meisten Harnblasentumore (etwa 80%) sind oberflächliche Tumore, welche auf die Blasenschleimhaut beschränkt sind.

Die Heilungsaussichten sind hier günstig, da diese Tumoren selten Tochtergeschwülste (Metastasen) bilden. Das Risiko besteht jedoch in einem häufigem Widerauftreten (Rezidiv) und einem Voranschreiten (Progression) zu einem in den Muskel wachsenden Blasentumor.

Behandlung des oberflächlichen Harnblasenkrebses

Die Entfernung eines oberflächlichen Harnblasentumors ist fast immer mit einer Transurethralen Blasentumorresektion (TUR-BT) möglich. Unter entsprechender Anästhesie kann der Urologe, ähnlich wie bei der Blasenspiegelung, über die Harnröhre zunächst in die Blase sehen. Das Instrument ist jedoch im Unterschied zum Zystoskop (Instrument für die Blasenspiegelung) mit einer scharfen, elektrisch Schlinge ausgestattet. Hiermit kann dann gezielt das Tumorgewebe herausgeschnitten und über das Instrument heraus gespült werden.

Je nach Befund wird wenigen Stunden nach dem Eingriff vorbeugend eine einmalige Gabe eines Medikaments (z.B. Mitomycin) erfolgen, um das mögliche erneute Einnisten von in der Blase freigesetzten Tumorzellen zu vermeiden (intravesikale Instillationstherapie).

Je nach Ausbreitung und Tumoranzahl kann wenige Wochen nach dem Ersteingriff eine Wiederholung der TUR-BT notwendig sein, um mögliche Reste von Tumorgewebe sicher zu entfernen.

Je nach Rückfallrisiko kann sich eine lokale (auf die Blase beschränkte) Chemotherapie oder eine sog. BCG-Immuntherapie anschließen. Bei anderen Patienten reichen regelmäßige Kontrollen mit Blasenspiegelung beim Urologen aus (siehe unten).

Der invasive Harnblasenkrebs

Bei 20 Prozent der von einem Blasentumor betroffenen Patienten liegt ein in die Muskulatur der Harnblase hineinwachsender Blasenkrebs vor. Um die Diagnose zu sichern ist zunächst ebenfalls eine Blasenspiegelung und eine Transurethrale (Teil-)Resektion des Blasentumors notwendig. Der muskelinfiltrierende Harnblasenkrebs ist allerdings oft nicht mehr mittels einer TUR-BT sicher vollständig zu entfernen.

Da hier das Risiko einer Metastasierung (der Krebs bildet gefährliche Tochtergeschwülste in anderen Organen) deutlich erhöht ist, wird in diesem Fall fast immer eine operative Entfernung der gesamten Harnblase empfohlen.

Behandlung des invasiven Harnblasenkrebses

Die komplette operative Entfernung der Harnblase wird als sog. Cystektomie bezeichnet. Der Eingriff wird in Vollnarkose durchgeführt, dauert mehrere Stunden und ist mit einem 2-3 wöchigen Krankenhausaufenthalt verbunden.

Während einer Cystektomie wird nicht nur die Blase entfernt, sonder auch eine alternative Urinableitung geschaffen. Die Möglichkeiten sind hierbei vielfältig, wobei die gängigsten Methoden ein kontinenter Blasenersatz aus Darmanteilen (z.B. Neoblase-„neue Blase“) und eine Urinableitung mittels Stoma über die Bauchdecke (z.B. Ileumconduit) sind.

Das entnommene Gewebe der Harnblase und der angrenzenden Lymphknoten wird einer feingeweblichen Untersuchung unterzogen und eine genaue Stadieneinteilung der Krebserkrankung vorgenommen.

Nicht immer ist die Entfernung der Harnblase bei Tumorbefall möglich. Wenn ein schlechter Allgemeinzustand eines Betroffenen die operative Entfernung der Harnblase nicht zulässt, oder der Betroffene die Operation verweigert, kann eine kombinierte Strahlen- und Chemotherapie in Betracht kommen.

Nachsorge

Entscheidend für die Nachsorge ist die Ausbreitung des Tumors und die Art der Behandlung. Der Urologe wird einen Nachsorgeplan aufstellen, der individuell auf den jeweiligen Patienten zugeschnitten ist. Bei oberflächlichen Harnblasentumoren ist, auch bei zuvor vollständiger Entfernung im Rahmen der TUR-BT, eine regelmäßige Kontrolle beim Urologen mit Spiegelung der Harnblase Pflicht, da diese Tumoren dazu neigen wiederholt aufzutreten

Im Anschluss an eine radikale Cystektomie (Entfernung der Harnblase) ist es ratsam, in einer auf Blasenkrebs spezialisierten Nachsorgeklinik eine Anschlussheilbehandlung durchzuführen. Dies kann das Erlernen des Umgangs mit der neuen Harnableitung und die Erholung nach dem Krankhausaufenthalt erleichtern.

Häufig gestellte Fragen

  • Wie häufig tritt Harnblasenkrebs auf?
    In der Bundesrepublik Deutschland erkranken jedes Jahr schätzungsweise 21000 Männer und 7000 Frauen neu an Harnblasenkrebs.

  • Erkranken auch junge Menschen an Harnblasenkrebs?
    Selten sind junge Menschen betroffen. Harnblasenkrebs ist eine Erkrankung des höheren Lebensalters. Das Erkrankungsrisiko steigt ab dem 50. Lebensjahr mit zunehmendem Alter.

  • Wann soll ein Urologe aufgesucht werden?
    Wichtigstes Krankheitszeichen ist die schmerzlose Blutbeimengung im Urin. Schmerzen treten meist erst bei fortgeschrittener Erkrankung auf. Bei Anzeichen von Schwierigkeiten beim Wasserlassen, Schmerzen beim Wasserlassen oder im Unterbauch sollte immer ein Urologe aufgesucht werden. Nur durch das frühzeitige Erkennen kann der Harnblasenkrebs wirklich erfolgreich behandelt werden.

  • Wodurch entsteht Harnblasenkrebs?
    Regelmäßiger Tabakkonsum ist der Hauptrisikofaktor zur Entstehung von Blasenkrebs und für ca. 50% der entstandenen Blasenkrebsfälle verantwortlich. Eine genetische Disposition und krebserregende chemische Stoffe (z.B. aromatische Amine) sind ebenfalls gesicherte Risikofaktoren. In tropischen und subtropischen Regionen kann die Bilharziose in seltenen Fällen an der Entstehung des Harnblasenkrebses beteiligt sein.

  • Welche Arten von Harnblasenkrebs gibt es?
    Am häufigsten tritt der Harnblasenkrebs auf, der von der Schleimhaut (Urothel) ausgeht, die die Harnblase innen auskleidet und auf diese beschränkt bleibt. Weitaus gefährlicher ist der invasive Typ, der in die Tiefe der Blasenwand und damit in die Muskulatur der Harnblase einwächst. 

  • Wie steht es mit der Sexualität?
    Beim oberflächlich auftretenden Harnblasenkrebs und der schonenden Entfernung des Tumors mittels der Elektroschlinge sind in der Regel keine Störungen im Liebesleben zu erwarten. Bei Entfernung der Harnblase und Anlegen einer Darmersatzblase beim Mann gehen durch die zusätzliche Entfernung von Prostata und Samenblasen der Samenerguss und die Zeugungsfähigkeit verloren. Fast immer kommt es auch zum Verlust der Gliedsteife (Erektion). Dies kann in manchen Fällen durch eine „erektionserhaltende Operation“ vermieden werden. Die möglichst sichere und vollständige Entfernung des Blasenkrebses muss jedoch Vorrang habe.

    Sollte nach der Behandlung eine Erektionsstörung eintreten stehen die im gesonderten Kapitel aufgezeigten Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung.

    Bei Frauen wirkt sich die Darmersatzblase weniger störend auf das Liebesleben aus. Aber auch hier kann es zu einer Störung der sexuellen Erregbarkeit oder zu Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs kommen. Durch die Entfernung der Gebärmutter können Frauen keine Kinder mehr gebären.
     
  • Wie sind die Heilungsaussichten?
    Auch beim Harnblasenkrebs ist der frühe Zeitpunkt der Erkennung von größter Bedeutung. Je früher ein Harnblasenkrebs festgestellt wird, desto aussichtsreicher sind die Chancen auf eine Heilung. Entscheidend für eine erfolgreiche Behandlung ist das frühe Stadium der Tumorerkrankung und seine Begrenzung auf die Harnblasenschleimhaut. Besteht ein aggressives Tumorwachstum und liegen bereits Absiedelungen in andere Organe vor (Metastasen) gestaltet sich die Behandlung weitaus schwieriger mit entsprechend ungünstiger Aussicht auf Heilung.

  • Wie kann man Harnblasenkrebs vorbeugen?
    Raucher sollten das Rauchen vollständig einstellen. Dies trägt sicher zur Reduktion des Blasenkrebsrisikos bei. Zudem stellt für Mitmenschen das Passivrauchen eine Gefährdung der Gesundheit dar. Bei Arbeiten in der chemischen Industrie sollten sämtliche Arbeitsschutzmaßnahmen gewissenhaft beachtet werden.

Mehr Informationen zum Harnblasenkrebs

Selbsthilfe-Bund Blasenkrebs e.V.: www.harnblasenkrebs.de
KID Krebsinformationsdienst: www.krebsinformationsdienst.de
Für Menschen nach Blasenentfernung: www.ilco.de
Risiken für Blasenkrebs am Arbeitsplatz: www.hvbg.de
Studien zum Harnblasenkrebs: www.auo-online.de

Sollten Sie weitere Fragen haben, schicken Sie bitte eine Email an patienten(at)urologenportal.de