Autor: Redaktion|Veröffentlicht am 19. Dezember 2006|Aktualisiert am 26. Mai 2017

WHO-Studie zur Antibaby-Spritze für den Mann gescheitert

04.08.2011 - Die „Pille für den Mann“ - eigentlich eine Spritze - kommt vorerst nicht. Bei einem weltweiten Test bekamen viele Männer Depressionen, eine verminderte Libido, und sie nahmen an Gewicht zu. Der Versuch unter Münsteraner Leitung wurde inzwischen gestoppt.

© palangsi - Fotolia.com

Die Idee einer Antibabyspritze für den Mann ist mehr als 30 Jahre alt. Aber bislang ist kein derartiges Präparat bis zur Marktreife gelangt. Auch eine Ende 2009 gestartete Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in acht Ländern mit insgesamt 400 Testpersonen brachte keinen Erfolg. „Die Studie ist bereits im März gestoppt worden, weil die Spritze in der jetzigen Zusammensetzung nicht funktioniert“, sagt der Leiter der Studie, Prof. Michael Zitzmann, Androloge und Endokrinologe am Centrum für Reproduktionsmedizin der Universität Münster. Das Centrum in Münster ist gleichzeitig das einzige deutsche WHO-Kollaborationszentrum im Bereich der menschlichen Fortpflanzung. Die Spritze setzt sich aus einer Mischung aus Testosteron und einem synthetischen Gestagen zusammen, ähnlich wie die Pille für die Frau, die aus Östrogen und einem Gestagen besteht. Eine Azoospermie (Spermienlosigkeit) konnte bei allen Teilnehmern erreicht werden, aber es gab Nebenwirkungen. Den Männern wurde die Antibaby-Spritze alle acht Wochen gegeben.

„Bei 90 Prozent der Männer hat es reibungslos funktioniert, aber 10 Prozent mit Nebenwirkungen sind einfach zu viel“, sagt Zitzmann. Insbesondere bei älteren Familienvätern traten unangenehme Folgen auf, darunter Depressionen und Gewichtszunahme, verringerte Libido. Dabei wurde die Verhütungsspritze vor Beginn der großen WHO-Studie in mehreren kleineren nationalen Studien getestet, ohne dass dabei derartige Nebenwirkungen auftraten.


Solche Veränderungen treten bei einer normalen Testosteronersatztherapie für Männer nicht auf. Allerdings ist das Gestagen in dieser Dosis ein dem männlichen Körper praktisch unbekannter Stoff. Entsprechende Dinge werden auch bei Frauen, die die Pille einnehmen oder kurz vor der Menstruation stehen, häufiger gesehen. Somit ist hier wohl die Ursache zu sehen. Der Gestagen-Anteil in der Spritze hat, so Zitzmann, für die Nebenwirkungen gesorgt. In Deutschland haben insgesamt 99 Paare teilgenommen (Halle:43, Münster:56). Derzeit befinden sich die Teilnehmer in der Nachbetreuung.

 

„Die Erwartungen sind nicht erfüllt worden“, sagt der für das Studienzentrum Halle zuständige Leiter, Prof. Hermann Behre, der auch Direktor des Zentrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie des Universitätsklinikums Halle ist. „Zwar haben in Halle neun von zehn Männern die Spritze vertragen, aber insgesamt ist der Anteil der Unverträglichkeit zu hoch.“ Die komplette Auswertung der Studie werde im Oktober vorliegen. „Aber wir können schon jetzt davon ausgehen, dass es in dieser Form nicht funktioniert“, bestätigt Behre.
„Wir müssen jetzt ganz neu anfangen, das Ergebnis ist offen“, sagt Zitzmann. Allerdings rechnet er nicht mehr damit, dass eine Verhütungsspritze für den Mann innerhalb der nächsten fünf Jahre zur Marktreife gebracht werden kann.

Auch die Pharmaindustrie ist skeptisch. Ein Forschungsprojekt auf Basis einer Hormonspritze und eines Implantates wurde nach der Übernahme der Schering AG durch die Bayer AG im Jahr 2007 eingestellt. „In den nächsten 10 bis 15 Jahren gibt es dafür keine Marktchancen“, sagt Friederike Lorenzen von der heutigen Bayer HealthCare Pharmaceuticals der Bayer Pharma AG (Berlin). Auch die im Verband Forschender Arzneimittelhersteller (Berlin) organisierten 43 Pharmafirmen forschen den Angaben zufolge nicht an einem Verhütungsmittel für den Mann.
Dennoch: Behre sieht weiterhin große Chancen für eine Antibaby-Spritze für den Mann. „Wir sind an einem Erfolg näher dran, als manche glauben.“ Der Mediziner favorisiert die reine Testosteron-Spritze. „In China wurde eine derartige Testosteronspritze an über 1000 Männern mit Erfolg getestet. Die Ergebnisse liegen seit 2009 vor“, sagt der Wissenschaftler.
Allerdings, so betont Zitzmann, war hier eine zumindest für westliche Verhältnisse nicht akzeptable, sehr hohe Schwangerschaftsrate gesehen worden. Nebenwirkungen des chinesischen Präparates waren nicht selten. Die chinesische Spritze ist in dieser Form auch nur dort erhältlich und nicht in anderen Ländern zugelassen.

 

„Die Antibaby-Spritze für den Mann soll die Pille für die Frau nicht verdrängen oder ablösen“, betont Behre. Die Spritze böte aber Paaren die Möglichkeit, sich die Verantwortung bei der Verhütung zu teilen. Außerdem wäre sie eine gute Alternative, wenn die Frau die Pille aus gesundheitlichen Gründen nicht verträgt.

Quelle: dpa/ DGU

 


Pressestelle

Informationen zu den Meldungen:

Bettina-Cathrin Wahlers
Sabine Martina Glimm
Tel: 040 - 79 14 05 60
Fax: 040 - 79 14 00 27
Mobil: 0170 - 48 27 28 7
E-Mail: redaktion@bettina-wahlers.de
redaktion@bettina-wahlers.de
mehr dazu