Interview mit Professor Dr. med. Michael Sohn (Juli 2011)

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Schlagworte: Interview
Autor: Pressestelle DGU/BDU|Veröffentlicht am 01. August 2011|Aktualisiert am 06. April 2017

Im Gespräch mit Professor Dr. Michael Sohn

Interviewreihe

Sie arbeiten aktiv in den Gremien der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. und des Berufverbands der Deutschen Urologen e.V. oder vertreten die Urologie darüber hinaus auf nationaler und internationaler Ebene: Zahlreiche Urologinnen und Urologen engagieren sich ehrenamtlich für ihr Fachgebiet. Darunter ist auch Professor Dr. Michael Sohn. Er ist Chefarzt der Klinik für Urologie am Markus Krankenhaus in Frankfurt am Main und Präsident des 4. DVR-Kongresses vom 9. bis 12. November 2011 in Berlin, der von der Deutschen Gesellschaft für Andrologie (DGA) gemeinsam mit dem Dachverband Reproduktionsbiologie und -medizin e.V. unter dem Motto „Von der Keimzelle zum Menschen“ durchgeführt wird.

1. Herr Prof. Dr. Sohn, Sie sind einer der drei Tagungspräsidenten des diesjährigen DVR-Kongresses und vertreten damit als Urologe und Androloge ein wichtiges Teilgebiet der Urologie nach Außen. Was bedeutet Ihnen diese Aufgabe?

Prof. Dr. Sohn: Der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Andrologie findet einmal jährlich statt, der DVR-Kongress wird alle zwei Jahre gemeinsam mit dem Dachverband Reproduktionsbiologie und –medizin gestaltet. Die letzte gemeinsame Tagung 2009 in Freiburg unter Leitung von Prof. Dr. Wetterauer war mit über 500 Teilnehmern so erfolgreich, dass wir diese „junge“ Tradition in der Hauptstadt Berlin 2011 fortsetzen wollen.
Für mich als Urologen und Andrologen stellt es eine besondere Ehre und Herausforderung dar, als einziger Urologe unter die drei Tagungspräsidenten dieses wahrlich interdisziplinären Kongresses gewählt worden zu sein. Neun Fachgesellschaften wollen erst einmal unter einen gemeinsamen Hut gebracht werden. Aufgrund der Breite des Spektrums war die Schwerpunktsetzung und Programmgestaltung nicht einfach, aber Dank der von allen Seiten gezeigten Kooperationsbereitschaft konnte das gemeinsame Motto „Von der Keimzelle zum Menschen“ in ein griffiges Programm gegossen werden, das wirklich alle Urologen, Andrologen und Reproduktionsmediziner interessieren und hoffentlich auch faszinieren sollte.

2. Gemeinsam mit Ihren Ko-Präsidenten, Dr. Ulrich Hilland vom Bundesverband Reproduktionsmedizinischer Zentren und Prof. Dr. Falk Ochsendorf (DGA), stehen Sie einem interdisziplinären Kongress vor. Welche Chancen bietet eine solche Zusammenarbeit?

Prof. Dr. Sohn: Wir Urologen sind uns sicher darüber einig, dass die Andrologie ein essentiell urologisches Teilgebiet darstellt. Nach langen Diskussionen hat schließlich die Bundesärztekammer 2003 die Andrologie als Zusatzweiterbildung in die Musterweiterbildungsordnung aufgenommen. Diese Zusatzweiterbildung kann jedoch nicht nur von Urologen, sondern auch von internistischen Endokrinologen und Dermatologen erworben werden.
Entsprechend den Statuten der Europäischen Akademie für Andrologie (EAA) umfasst die Andrologie „alle Bereiche der Medizin und Naturwissenschaften, die sich mit den Fortpflanzungsfunktionen des Mannes unter physiologischen und pathologischen Bedingungen auseinandersetzen“.
Wir Urologen fühlen uns natürlich kompetent in den Bereichen männliche Infertilität, sexuelle Dysfunktion und Hypogonadismus einschließlich Hypogonadismus des alternden Mannes, aber in den Bereichen Kontrazeption und assistierter Reproduktion sind wir auf Kooperation insbesondere mit spezialisierten Gynäkologen angewiesen. Die zahlreichen großen reproduktionsmedizinischen Zentren lassen zumeist über ihre Biologen die notwendigen Spermiogrammuntersuchungen durchführen, sind jedoch gesetzlich durch Richtlinien seit 2006 verpflichtet, Ärzte mit der Zusatzbezeichnung Andrologie in Diagnostik und Therapie der assistierten Reproduktion zu integrieren. Wir Andrologen wiederum sind seit Januar 2011 verpflichtet, unsere Ejakulatdiagnostik regelmäßig einer Qualitätskontrolle zu unterziehen, welche durch das Qualitätskontrollprogramm der Deutschen Gesellschaft für Andrologie (QuaDeGA GmbH) gewährleistet werden kann.
Vergleichbar der aktuellen Situation in der Uroonkologie sind wir zur interdisziplinären Zusammenarbeit verpflichtet und müssen uns hierfür ständig neu qualifizieren und weiterbilden. In Ergänzung zu den Intensivkursen der DGA bietet die alle zwei Jahre stattfindende DVR- und DGA-Tagung die einmalige Möglichkeit, über den Tellerrand zu schauen und sich auch im Bereich der Nachbardisziplinen auf den neuesten Stand zu bringen.

3. Erektile Dysfunktion und assoziierte Erkrankungen, Refertilisierung, Donogene Insemination, Infektion und Infertilität, Eizellkryobanking oder Stammzellen als Fertilitätsreserve: Diese Stichworte aus dem Kongress-Programm versprechen spannende Inhalte. Welche neuen Erkenntnisse erwarten die Kongressbesucher?

Prof. Dr. Sohn: Wir haben uns bemüht, den aktuellen Wissensstand zu allen urologisch relevanten Subthemen im Tagungsprogramm in Form von Workshops, Pro- und Contra-Sitzungen, Keynote-Lectures und Vortrag- sowie Postersitzungen abzubilden. Zum Abschluss des Kongresses wird am Samstagvormittag noch ein hochkarätiges Vasektomie-Seminar stattfinden, sowie ein kondensiertes Andrologie-Update 2011. Es war ein Kernpunkt unserer Programmplanung, dass sowohl junge Forscher in der Andrologie als auch erfahrene Praktiker in gerechter Gewichtung zu Wort kommen. Die Frist zur Anmeldung freier Vorträge oder Poster ist aktuell wegen der Sommerferien bis 11.08.2011 verlängert worden (www.dvr-kongress.de).

4. Fruchtbarkeit, Kinderwunsch und Reproduktionsmedizin sind zweifelsohne Themen mit medizinischem, aber auch mit gesellschaftlichem Zündstoff: Welche sozialen Aspekte erregen aktuell die Gemüter der Experten?

Prof. Dr. Sohn: Unerfüllter Kinderwunsch ist ein Thema von höchster, gesellschaftspolitischer Relevanz. Wenn man bedenkt, dass jede 6. Ehe in Deutschland ungewollt kinderlos bleibt und gleichzeitig die Überalterung der Gesellschaft mit allen altersbedingten Morbiditäten fortschreitet, so versteht sich die Intensivierung der Forschungsaktivitäten auf all diesen Gebieten von selbst. Aus diesem Grund wird auch den DFG-geförderten interdisziplinären Forschergruppen Raum für die Darstellung ihrer Ergebnisse während des Kongresses gegeben.
Aber nicht alles, was machbar scheint, ist auch bezahlbar - und ethisch vertretbar. Die aktuelle PID-Debatte und die Entscheidung des Bundestages hierzu vom 07.07.2011 ist ein gutes Beispiel. Auch die donogene Insemination, „Semenbanking“ und „Eizellkryobanking“, die auch unter dem Begriff des „social freezing“ diskutiert werden, stehen auf dem Prüfstand.
Neben den fachlichen Vorträgen findet zu Kongressbeginn am Mittwochabend eine öffentliche Podiumsdiskussion zu diesen Themen mit Vertretern der Politik unter professioneller Moderation statt, auf deren Ausgang ich sehr gespannt bin.
Wir, die Tagungspräsidenten dieses wahrhaftig interdisziplinären Kongresses zu aktuell hoch brisanten Gesellschafts- und berufspolitischen Themen, würden uns sehr freuen, wenn möglichst viele Urologen unsere Einladung nach Berlin annehmen..

5. Was hat Sie als junger Mediziner für die Urologie respektive die Andrologie begeistert, und wie motivieren Sie heute angehende Kollegen?

Prof. Dr. Sohn: Auslöser meiner urologisch-andrologischen Motivation war sicherlich das Wahltertial meines Praktischen Jahres an der Universitätsklinik Bonn unter Anleitung des damaligen leitenden Oberarztes Prof. Weißbach. Die operative Andrologie, mit all ihren rekonstruktiven Möglichkeiten, hat mich neben der urologischen Tumorchirurgie von Anfang an fasziniert.
Operativ finden sich auf diesem Gebiet immer wieder neue Herausforderungen inklusive der Möglichkeiten, die die Mikrochirurgie und die interdisziplinäre Kooperation mit Reproduktionsmedizinern und Plastischen Chirurgen bieten.
Voraussetzung hierfür ist jedoch eine fundierte operative Ausbildung und Kenntnis der gesamten Breite der konservativen Andrologie. Für junge Kollegen ist es sicherlich motivierend, wenn sie an ihren Ausbildungskliniken die Gelegenheit haben, im Anschluss an ihre Facharztausbildung auch zumindest teilweise die Zusatzweiterbildung zum Andrologen - dem einzig wahren „Männerarzt“ - zu absolvieren.

6. Was bewegt Sie privat in Ihrer Freizeit?

Prof. Dr. Sohn: Als Ausgleich zur häufig aufreibenden Kliniktätigkeit brauche ich Natur und möglichst abenteuerliche Reisen. Zur Zeit erlerne ich die Kunst des Fliegenfischens und hoffe, hierbei etwas zu erlernen, was ich nie wirklich beherrscht habe: Geduld!

Interview: DGU-Pressestelle