Interview mit Prof. Dr. med. Dirk Schultheiss (Februar 2012)

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Schlagworte: Interview
Autor: Pressestelle DGU/BDU|Veröffentlicht am 03. Februar 2012|Aktualisiert am 06. April 2017

Im Gespräch mit Professor Dr. med. Dirk Schultheiss

1. Herr Professor Schultheiss, als Urologe und Historiker zählen Sie zu einer eher seltenen Spezies: Wie kam es zu dieser Interessenkombination?

Der erste Kontakt ergab sich schon 1992 während des PJs durch den zufälligen Flohmarktfund eines Urethrotoms aus den 1920er Jahren. Das führte direkt zu einem kleinen historischen Vortrag im Journal Club der Urologischen Klinik in St. Gallen, wo ich auch später die ersten 18 Monate meiner Assistenzarztzeit absolvieren durfte. In den dann folgenden elf Jahren an der Medizinischen Hochschule Hannover standen neben klinischen Studien und später den Zellkulturen im Labor immer auch historische Themen auf meiner Arbeitsliste und stellten einen gleichberechtigten Anteil meiner Publikationen dar. In dem damaligen Archivar der DGU Herrn Prof. Peter Rathert sowie seinem Pendant bei der EAU Herrn Dr. Johan Mattelaer traf ich ziemlich früh auf quasi väterliche Förderer, die auch die entsprechenden Arbeitskreise in diesen beiden Fachgesellschaften ins Leben gerufen haben und somit die Arbeit an der Fachgeschichte auf viele Schultern verteilt haben.

2. Seit 2008 sind Sie Archivar der DGU, waren bei Ihrem Amtsantritt 42 Jahre und damit ein überraschend junger Vertreter der Historie: Hören Sie das öfter?

Heute eigentlich nicht mehr so häufig, denn die Kolleginnen und Kollegen haben sich wohl mittlerweile schon an mich gewöhnt, da ich seit 2002 auch Chairman des History Office der EAU bin. Zudem verhält es sich mit der Medizingeschichte wie mit anderen Themengebieten auch, man muss nicht erst in die Nähe des Pensionsalters gelangen, um sich hier ernsthaft und intensiv zu engagieren. Herr Prof. Rathert hat ebenfalls schon als junger Assistent während seiner Zeit in Los Angeles Archive beforscht und seine Entdeckungen publiziert. Allerdings ist es schon so, dass Leute die mich noch nicht persönlich kennen, bei einem ersten Treffen oft überrascht sind und wohl eher einen älteren Herrn erwartet haben.

3. Welche Aufgaben beinhaltet die Funktion des Archivars?

Der Archivar ist verantwortlich für die historischen Belange der Deutschen Gesellschaft für Urologie. Dabei muss zunächst das Museum und Archiv der DGU betreut werden. Da ich im Gegensatz zu meinem Vorgänger nicht in lokaler Nähe zur DGU-Zentrale in Düsseldorf lebe, bin ich natürlich dankbar, dass Herr Dr. Friedrich Moll aus Köln, Vorsitzender des AK Geschichte der Urologie, vor Ort einen Großteil der kuratorischen Aufgaben übernimmt. Die Aktualisierungen der Ausstellungen in der Geschäftszentrale, die Aufarbeitung der Archivbestände, die Beantwortung von Anfragen und die Eingliederung von Neuzugängen z.B. aus Nachlässen oder Klinikumbauten oder -auflösungen sind dort zentrale Aufgaben.

Auch für den gezielten Ankauf von Büchern oder Instrumenten auf dem kommerziellen Markt steht dem Archivar von der DGU ein festes Budget zur Verfügung. Die wichtigste Herausforderung besteht für mich jedoch darin, den Mitgliedern der DGU und alle anderen urologisch Interessierten die Geschichte unseres Faches näher zu bringen. Aus diesem Grund bereiten wir ja seit vielen Jahren immer wieder zum Jahreskongress eine historische Ausstellung vor, die oft mit lokalem Bezug zum Kongressort wechselnde Aspekte unserer Fachgeschichte aufgreift. Dazu kommen dann noch ausgewählte Langzeitprojekte, die in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis für Geschichte der Urologie bearbeitet werden, wie z.B. vor einigen Jahren das 100jährige Jubiläum der DGU oder zuletzt die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus.

4. Die Veröffentlichung von „Urologen im Nationalsozialismus" ist ein medizinhistorischer Meilenstein Ihrer Arbeit: Wann wird die englische Übersetzung erwartet? Wie geht es weiter mit dem NS-Projekt?

Das Projekt „Urologen im Nationalsozialismus" war eine große Gemeinschaftsarbeit der Historikergruppen aus Ulm, Dresden und Wien sowie Herrn Prof. Rainer Engel, Historian der AUA. Das Projekt wurde von der DGU initiiert und finanziert und von Herrn Dr. Friedrich Moll und mir als Vertreter der DGU koordiniert und begleitet. Mit dem nun seit dem Kongress in Hamburg vorliegenden Doppelband haben wir die Ergebnisse der fast 3-jährigen Forschungsarbeiten zusammengefasst, halten die Arbeit jedoch keinesfalls für abgeschlossen. Bei den Biographien der Opfer bzw. der aus dem Judentum stammenden Urologen gibt es noch viele Lücken, und wir hoffen, dass durch die Buchpublikation und die im Internet verfügbaren Namenslisten auch noch weitere Daten zu erheben sind. Um hier weltweit Interesse zu erregen, ist natürlich eine englischsprachige Publikation notwendig. Eine direkte Übertragung des deutschen Buches wird jedoch der internationalen Leserschaft nicht gerecht, weswegen wir die Auswirkungen des Nationalsozialismus vor allem auf europäische Nachbarländer aber auch beispielsweise auf Palästina sowie Nord- und Südamerika noch bearbeiten wollen und in eine englischsprachige Version mit einbringen möchten. Daher wird sicher nochmals ein Jahr intensiver Arbeit nötig sein.

5. Gibt es weitere historische Großprojekte der DGU bzw. des Arbeitskreises „Geschichte der Urologie"?

Unsere Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ist natürlich nicht mit dem Jahr 1945 stehengeblieben. Biographien gingen weiter und die Nachkriegsurologie war geprägt durch die Ereignisse im Dritten Reich. Die dann folgende Teilung der deutschen Urologie in Ost und West birgt ein weiteres Forschungsfeld, welches wir zeitnah bearbeiten möchten. Dabei wollen wir auch vermehrt Zeitzeugen-Interviews durchführen, die ein sehr interessantes und modernes Instrument der Geschichtsforschung sind. Diese im englischsprachigen als „Oral History" bezeichnete Technik wurde bereits von medizinhistorisch aktiven Urologen in Großbritannien, den Niederlanden aber auch von unserem Team in Deutschland angewandt. Hier soll zukünftig in Zusammenarbeit mit der EAU ein großes Verbundprojekt mit vielen europäischen Ländern aufgebaut werden.

6. Was gibt es Neues vom DGU-Museum und seiner Website?

Der Museumsraum in der DGU-Zentrale wurde in der letzten Zeit thematisch und didaktisch umstrukturiert und ist auch für Besuchergruppen nach Voranmeldung zugänglich. Hier wurden immer wieder Führungen durch die ortsansässigen Kollegen Herrn Dr. Moll und auch Herrn Prof. Rathert durchgeführt. Die Website des Museums und Archivs der DGU (http:// museum.dgu.de) wurde neu aufgestellt und beinhaltet natürlich auch Informationen über das Nationalsozialismus-Projekt, insbesondere die schon erwähnte Opferliste. Der Bestand des Museums und Archivs wird derzeit mit einer professionellen Museums-Software neu digital erfasst und wird in Zukunft eine bessere Einbindung in ein Netzwerk europäischer Sammlungen ermöglichen.

7. Wie bewältigen Sie den Spagat zwischen Niederlassung, DGU-Ehrenamt und Familie?

Die Tätigkeit als niedergelassener Urologe in einer fachübergreifenden Gemeinschaftspraxis mit meiner Ehefrau als Dermatologin sowie die zusätzliche Belegarzttätigkeit halten einen schon in Bewegung. Zuhause angekommen warten dann drei kleine Kinder zwischen vier und acht Jahren auf väterliche Zuwendung. Da verlagert sich die Medizinhistorie doch zumeist in die späten Abend- oder Nachtstunden, und es bedarf schon einer hohen Toleranz der Familie, wenn ich mich mal wieder für einige Zeit zum Kongress oder für sonstige historische Aktivitäten abmelde. Alltägliche Regeneration ziehe ich neben etwas Sport aus der Gewohnheit, bei jeder Möglichkeit Opernmusik zu hören. Da reichen oft schon die fünf Minuten Autofahrt zwischen Praxis und Klinik für einen Energieschub; aktuelle Lieblingsoper ist „Peter Grimes" von Benjamin Britten.

Interview: DGU-Pressestelle

Im Gespräch mit Professor Dr. med. Dirk Schultheiss

02.02.2012 - 1. Herr Professor Schultheiss, als Urologe und Historiker zählen Sie zu einer eher seltenen Spezies: Wie kam es zu dieser Interessenkombination?

Der erste Kontakt ergab sich schon 1992 während des PJs durch den zufälligen Flohmarktfund eines Urethrotoms aus den 1920er Jahren. Das führte direkt zu einem kleinen historischen Vortrag im Journal Club der Urologischen Klinik in St. Gallen, wo ich auch später die ersten 18 Monate meiner Assistenzarztzeit absolvieren durfte. In den dann folgenden elf Jahren an der Medizinischen Hochschule Hannover standen neben klinischen Studien und später den Zellkulturen im Labor immer auch historische Themen auf meiner Arbeitsliste und stellten einen gleichberechtigten Anteil meiner Publikationen dar. In dem damaligen Archivar der DGU Herrn Prof. Peter Rathert sowie seinem Pendant bei der EAU Herrn Dr. Johan Mattelaer traf ich ziemlich früh auf quasi väterliche Förderer, die auch die entsprechenden Arbeitskreise in diesen beiden Fachgesellschaften ins Leben gerufen haben und somit die Arbeit an der Fachgeschichte auf viele Schultern verteilt haben.

2. Seit 2008 sind Sie Archivar der DGU, waren bei Ihrem Amtsantritt 42 Jahre und damit ein überraschend junger Vertreter der Historie: Hören Sie das öfter?

Heute eigentlich nicht mehr so häufig, denn die Kolleginnen und Kollegen haben sich wohl mittlerweile schon an mich gewöhnt, da ich seit 2002 auch Chairman des History Office der EAU bin. Zudem verhält es sich mit der Medizingeschichte wie mit anderen Themengebieten auch, man muss nicht erst in die Nähe des Pensionsalters gelangen, um sich hier ernsthaft und intensiv zu engagieren. Herr Prof. Rathert hat ebenfalls schon als junger Assistent während seiner Zeit in Los Angeles Archive beforscht und seine Entdeckungen publiziert. Allerdings ist es schon so, dass Leute die mich noch nicht persönlich kennen, bei einem ersten Treffen oft überrascht sind und wohl eher einen älteren Herrn erwartet haben.

3. Welche Aufgaben beinhaltet die Funktion des Archivars?

Der Archivar ist verantwortlich für die historischen Belange der Deutschen Gesellschaft für Urologie. Dabei muss zunächst das Museum und Archiv der DGU betreut werden. Da ich im Gegensatz zu meinem Vorgänger nicht in lokaler Nähe zur DGU-Zentrale in Düsseldorf lebe, bin ich natürlich dankbar, dass Herr Dr. Friedrich Moll aus Köln, Vorsitzender des AK Geschichte der Urologie, vor Ort einen Großteil der kuratorischen Aufgaben übernimmt. Die Aktualisierungen der Ausstellungen in der Geschäftszentrale, die Aufarbeitung der Archivbestände, die Beantwortung von Anfragen und die Eingliederung von Neuzugängen z.B. aus Nachlässen oder Klinikumbauten oder -auflösungen sind dort zentrale Aufgaben. Auch für den gezielten Ankauf von Büchern oder Instrumenten auf dem kommerziellen Markt steht dem Archivar von der DGU ein festes Budget zur Verfügung. Die wichtigste Herausforderung besteht für mich jedoch darin, den Mitgliedern der DGU und alle anderen urologisch Interessierten die Geschichte unseres Faches näher zu bringen. Aus diesem Grund bereiten wir ja seit vielen Jahren immer wieder zum Jahreskongress eine historische Ausstellung vor, die oft mit lokalem Bezug zum Kongressort wechselnde Aspekte unserer Fachgeschichte aufgreift. Dazu kommen dann noch ausgewählte Langzeitprojekte, die in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis für Geschichte der Urologie bearbeitet werden, wie z.B. vor einigen Jahren das 100jährige Jubiläum der DGU oder zuletzt die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus.

4. Die Veröffentlichung von „Urologen im Nationalsozialismus" ist ein medizinhistorischer Meilenstein Ihrer Arbeit: Wann wird die englische Übersetzung erwartet? Wie geht es weiter mit dem NS-Projekt?

Das Projekt „Urologen im Nationalsozialismus" war eine große Gemeinschaftsarbeit der Historikergruppen aus Ulm, Dresden und Wien sowie Herrn Prof. Rainer Engel, Historian der AUA. Das Projekt wurde von der DGU initiiert und finanziert und von Herrn Dr. Friedrich Moll und mir als Vertreter der DGU koordiniert und begleitet. Mit dem nun seit dem Kongress in Hamburg vorliegenden Doppelband haben wir die Ergebnisse der fast 3-jährigen Forschungsarbeiten zusammengefasst, halten die Arbeit jedoch keinesfalls für abgeschlossen. Bei den Biographien der Opfer bzw. der aus dem Judentum stammenden Urologen gibt es noch viele Lücken, und wir hoffen, dass durch die Buchpublikation und die im Internet verfügbaren Namenslisten auch noch weitere Daten zu erheben sind. Um hier weltweit Interesse zu erregen, ist natürlich eine englischsprachige Publikation notwendig. Eine direkte Übertragung des deutschen Buches wird jedoch der internationalen Leserschaft nicht gerecht, weswegen wir die Auswirkungen des Nationalsozialismus vor allem auf europäische Nachbarländer aber auch beispielsweise auf Palästina sowie Nord- und Südamerika noch bearbeiten wollen und in eine englischsprachige Version mit einbringen möchten. Daher wird sicher nochmals ein Jahr intensiver Arbeit nötig sein.

5. Gibt es weitere historische Großprojekte der DGU bzw. des Arbeitskreises „Geschichte der Urologie"?

Unsere Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ist natürlich nicht mit dem Jahr 1945 stehengeblieben. Biographien gingen weiter und die Nachkriegsurologie war geprägt durch die Ereignisse im Dritten Reich. Die dann folgende Teilung der deutschen Urologie in Ost und West birgt ein weiteres Forschungsfeld, welches wir zeitnah bearbeiten möchten. Dabei wollen wir auch vermehrt Zeitzeugen-Interviews durchführen, die ein sehr interessantes und modernes Instrument der Geschichtsforschung sind. Diese im englischsprachigen als „Oral History" bezeichnete Technik wurde bereits von medizinhistorisch aktiven Urologen in Großbritannien, den Niederlanden aber auch von unserem Team in Deutschland angewandt. Hier soll zukünftig in Zusammenarbeit mit der EAU ein großes Verbundprojekt mit vielen europäischen Ländern aufgebaut werden.

6. Was gibt es Neues vom DGU-Museum und seiner Website?

Der Museumsraum in der DGU-Zentrale wurde in der letzten Zeit thematisch und didaktisch umstrukturiert und ist auch für Besuchergruppen nach Voranmeldung zugänglich. Hier wurden immer wieder Führungen durch die ortsansässigen Kollegen Herrn Dr. Moll und auch Herrn Prof. Rathert durchgeführt. Die Website des Museums und Archivs der DGU (http:// museum.dgu.de) wurde neu aufgestellt und beinhaltet natürlich auch Informationen über das Nationalsozialismus-Projekt, insbesondere die schon erwähnte Opferliste. Der Bestand des Museums und Archivs wird derzeit mit einer professionellen Museums-Software neu digital erfasst und wird in Zukunft eine bessere Einbindung in ein Netzwerk europäischer Sammlungen ermöglichen.

7. Wie bewältigen Sie den Spagat zwischen Niederlassung, DGU-Ehrenamt und Familie?

Die Tätigkeit als niedergelassener Urologe in einer fachübergreifenden Gemeinschaftspraxis mit meiner Ehefrau als Dermatologin sowie die zusätzliche Belegarzttätigkeit halten einen schon in Bewegung. Zuhause angekommen warten dann drei kleine Kinder zwischen vier und acht Jahren auf väterliche Zuwendung. Da verlagert sich die Medizinhistorie doch zumeist in die späten Abend- oder Nachtstunden, und es bedarf schon einer hohen Toleranz der Familie, wenn ich mich mal wieder für einige Zeit zum Kongress oder für sonstige historische Aktivitäten abmelde. Alltägliche Regeneration ziehe ich neben etwas Sport aus der Gewohnheit, bei jeder Möglichkeit Opernmusik zu hören. Da reichen oft schon die fünf Minuten Autofahrt zwischen Praxis und Klinik für einen Energieschub; aktuelle Lieblingsoper ist „Peter Grimes" von Benjamin Britten.

Interview: DGU-Pressestelle