Interview mit Dr. med. Tim Neumann (05.05.2015)

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Autor: Pressestelle DGU/BDU|Veröffentlicht am 05. Mai 2015|Aktualisiert am 06. April 2017

BDU-Interview: Tim Neumann: „Darum habe ich mich für die Niederlassung entschieden.“

Warum haben Sie sich für die ambulante Urologie entschieden?

Tim Neumann: Die Niederlassung bietet mir die Möglichkeit, meine Patienten kontinuierlich zu betreuen. Der Patientenkontakt war für mich stets eines der wichtigsten Elemente meines Berufes. Im Krankenhaus besteht aufgrund der immer kürzer werdenden Verweildauern nur selten die Möglichkeit, eine solch enge Arzt-Patienten-Bindung aufzubauen wie in einer Praxis. Ich bin parallel dazu als Belegarzt im Krankenhaus tätig, wodurch die Kontinuität der Betreuung meiner Patienten auch während einer stationären Behandlung gewährleistet ist. 

Haben Sie dieses Ziel schon länger angestrebt? Gab es einen Auslöser für die Entscheidung?

Tim Neumann: Bereits zu Beginn meiner Facharztausbildung bestand bei mir der Wunsch, mich später niederzulassen. Im Laufe der Facharztausbildung gewannen dann der Spaß und ein gewisses Geschick an der operativen Tätigkeit zunehmend an Bedeutung, sodass ich zwischenzeitlich Richtung Krankenhauskarriere steuerte. Ein Chefposten wäre jedoch nicht erreichbar gewesen, und auch in meiner Tätigkeit als Oberarzt wurden Grenzen in der persönlichen Entfaltung deutlich.

Welche Form der Niederlassung haben Sie, aus welchen Gründen, gewählt? Warum in Winsen?

Tim Neumann: Als ich nach einer Alternative für mich suchte, sprach mich ein früherer Kollege an und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, in einer bestehenden Zweier-Gemeinschaftspraxis mit Belegarzttätigkeit mitzuarbeiten. Das Konzept begeisterte mich sofort. Der Standort der Praxis in Winsen entsprach unseren persönlichen Wünschen, da ich während meines Studiums in Harburg gelebt habe und meine Frau aus Harburg stammt. Insofern war die Wahl ein Volltreffer. Ein Jahr nach der Niederlassung haben wir uns im Landkreis ein Haus gekauft, in welchem wir uns mit unseren zwei Kindern sehr wohl fühlen. 

Haben Sie Unterstützung durch den BDU erfahren? Welche Angebote haben Sie in Anspruch genommen? Was hätten Sie sich ggf. gewünscht? Was könnte Ihnen aktuell helfen?

Tim Neumann: Glücklicherweise ist einer meiner Praxispartner aktiv im BDU tätig. Dadurch finden wir fast automatisch bei Fragen in der Praxisführung oder aktuellen Themen und Problemen Hilfe beim BDU. Vor allem die breit gestreute Kompetenz und Hilfsbereitschaft unter den Mitgliedern habe ich in den vergangenen Jahren als eine große Stärke des BDU kennen und schätzen gelernt.
Auch zu speziellen Fragen im Abrechnungsbereich oder zum Belegarztwesen kann der BDU entweder direkt Antworten geben oder weiß zumindest die geeigneten Ansprechpartner. Bisher habe ich noch nicht erlebt, dass dann einer dieser Ansprechpartner nicht kooperativ war. Dieses Netzwerk ist meiner Meinung nach eine der größten Qualitäten eines Berufsverbandes.

Wo liegen bzw. werden Ihre Versorgungsschwerpunkte liegen? Verfügen Sie über eine Zusatzqualifikation bzw. streben Sie diese und evtl. eine Weiterbildungsermächtigung an?

Tim Neumann: Wir bieten in unserer Praxis sowie in der Belegabteilung einen Großteil des urologischen Spektrums an. Operativ führen wir von Eingriffen am äußeren Genitale über Transurethrale Eingriffe wie TUR-Blase, TUR-Prostata oder auch URS über perkutane Steinbehandlung, laparoskopische Eingriffe wie Nephrektomie bis zu offenen Operationen wie Nierenteilresektion und radikaler Prostatektomie durch. Wir können dabei auf moderne Geräte wie Photodynamische Diagnostik, flexibles Ureterorenoskop oder Laser zurückgreifen. In der Laser-Enukleation der Prostata liegt auch einer meiner Schwerpunkte, welchen ich in meiner Zeit als Klinikarzt bereits gesetzt hatte und nun in unserer Belegabteilung weiterführen konnte.
Ich schätze die Möglichkeit, in der Praxis Neuerungen ohne große Bürokratie zu erproben und einzusetzen, was in der Klinik oft mit großem Aufwand verbunden ist.
Eine Kernkompetenz unserer Praxis ist die onkologische Betreuung. Ich besitze die Zusatzbezeichnung zur medikamentösen Tumortherapie, sowie - als Ergänzung dazu -  die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin.
Entsprechend unserem Grundsatz einer ganzheitlichen Versorgung bei gleichzeitiger Wahrung der kontinuierlichen Betreuung unserer Patienten, führen wir unsere medikamentösen Tumortherapien inklusive stationärer Polychemotherapie selbst durch.
Gemeinsam verfügen wir über eine dreijährige Weiterbildungsermächtigung. Wir sind darüber hinaus froh, einen Assistenzarzt in der Praxis zu haben, dem man das Wissen, was man sich mittlerweile angeeignet hat, weitergeben kann.
Ein früherer Oberarzt sagte immer: „Schauen Sie sich Neumann an, von dem kann man viel lernen… aus Fehlern lernt man am meisten“.

Welche Chancen und welche Risiken sehen Sie angesichts jüngster Entwicklungen im Gesundheitswesen in der Niederlassung? Und wie reagieren Sie darauf?

Tim Neumann: Ich bin im Nachhinein froh darüber, dass ich etwas naiv in meine Niederlassung gestartet bin, im festen Glauben daran, dass alles klappen wird. Inzwischen habe ich gelernt, dass man nicht versuchen darf, dieses System zu verstehen. Man muss es kennen, um damit umgehen zu können, zu verstehen ist es jedoch nicht immer. Der Urologie stehen in den nächsten Jahren aufgrund des demografischen Wandels weitreichende Veränderungen bevor. Dazu gehört die steigende Zahl der Patienten, die mit den heutigen Strukturen schwer zu bewältigen sein wird und mit gleichzeitig steigenden Kosten verbunden ist, die nicht nur durch immer neue und bessere Medikamente bedingt sind. Eine Lösung sehen wir in der ASV, so dass wir bereits begonnen haben, in entsprechenden Netzwerken mitzuwirken.

So sehe ich überhaupt die wichtigste Komponente der zukünftigen Praxisführung in einer guten Vernetzung sowohl zwischen ambulantem und stationärem Sektor, wie wir es als Belegärzte leben, als auch in einer Vernetzung mit anderen Kollegen, sowohl fachgleich, wie auch zu anderen ergänzenden Fachbereichen.

Wie sieht Ihre aktuelle Work-Life-Balance aus? Welche Erwartungen hegen Sie als Praxischef diesbezüglich?

Tim Neumann: Sprechstundenfreie Nachmittage werden auch beruflich, unter anderem für Fortbildungen und Treffen mit Kollegen, genutzt. Das war mir vor der Niederlassung so nicht klar. Darüber hinaus betreue ich als Belegarzt neben der Arbeit in der Praxis meine Patienten. Zusammengefasst entspricht die Arbeitsbelastung dem eines Krankenhausarztes, ist jedoch nicht so planbar. Durch die gute Unterstützung meiner Frau gelingt es uns jedoch, die Zeit als Familie zu genießen.

Fühlen Sie sich als Einzelkämpfer?

Tim Neumann: Ich bin froh, in einer Gemeinschaftspraxis zu sein. Sowohl der fachliche Austausch, die Möglichkeit medizinische Entscheidungen miteinander zu besprechen, sowie die wirtschaftlichen Vorteile sind für mich unverzichtbar.

Sind Sie mit Ihrer finanziellen Situation zufrieden?

Tim Neumann: Solange ich noch als angestellter Arzt im Krankenhaus gearbeitet hatte, war das Finanzielle klarer. Jeden Monat kam in etwa die gleiche Summe, die ausgegeben werden konnte. Jetzt sind die Summen unterschiedlich hoch, erscheinen erstmal viel, bevor sie durch laufende Kosten wie Miete, Personal, Kredite und andere Nebenkosten schrumpfen. Und zum guten Schluss folgt am Ende des Jahres die Steuererklärung, die alles wieder verändert. Am Ende sieht´s aus wie immer: Am Monatsende ist das Geld alle, so war´s im Studium, so ist es jetzt. Zugegeben, im Studium hatte ich nicht so ein schönes Haus und schöne Autos.

Haben Sie aufgrund Ihrer frischen Erfahrungen bei der Niederlassung eine Botschaft für Kolleginnen/Kollegen, die sich mit dem Gedanken tragen?

Tim Neumann: Ich würde jederzeit wieder den Weg in die Niederlassung gehen und kann mir heute keine andere Tätigkeit mehr vorstellen als die jetzige Kombination aus Praxis und Belegarzt. Man muss sich darüber klar sein, dass einiges komplizierter wird, da der wirtschaftliche Erfolg vom ständigen Engagement abhängt. Es besteht durchaus die Gefahr, dass, wenn man sich nicht um kontinuierliche Weiterentwicklung und Vernetzung kümmert, nicht mehr alles wie von selbst läuft. Wenn man diese Herausforderung annehmen kann, so bietet die Niederlassung Chancen, wie man sie im Krankenhaus nicht unbedingt hat.

Zur Person: Tim Neumann
38 Jahre, verheiratet 2 Kinder
2005 - 2008 Assistenzarzt in Harburg (Frau Prof. Fisch)
2008 - 2011 Assistenzarzt in Hameln (Dr. Baumann)
Seit Juni 2011 Funktionsoberarzt in Hameln
Ab 2012 Niederlassung in der Gemeinschaftspraxis in Winsen/Luhe

Interview: BDU-Pressestelle