Interview mit Dr. med. Friedrich Moll (September 2012)

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Schlagworte: Interview
Autor: Pressestelle DGU/BDU|Veröffentlicht am 16. Oktober 2012|Aktualisiert am 06. April 2017

Interview mit Dr. Friedrich Moll

Sie arbeiten aktiv in den Gremien der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. und des Berufsverbandes der Deutschen Urologen e.V.oder vertreten die Urologie darüber hinaus auf nationaler und internationaler Ebene: Zahlreiche Urologinnen und Urologen engagieren sich ehrenamtlich für ihr Fachgebiet. Darunter ist auch Dr. Friedrich Moll. Er ist Curator des Museums und Archivs der DGU und Vorsitzender des AK Geschichte der Akademie Deutscher Urologen.

Herr Dr. Moll, die Verbindung von Urologie und Geschichte ist eher selten: Wer oder was hat Sie inspiriert?

Das waren eindeutig meine Lehrer: Schon mein Geschichtslehrer weckte das Interesse für die Historie. Während meines Medizinstudiums und später während meiner Zeit an der Urologischen Universitätsklinik in Aachen war Prof. Dr. Wolfgang Lutzeyer derjenige, der den jungen HiWi und späteren Assistenten maßgeblich prägte, förderte und besonders ermutigte. Prof. Lutzeyer hatte früh erkannt, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Fachgeschichte ein wichtiges Element in einer ganzheitlichen Ausbildung zum Urologen ist und dessen „Charakter“, wie er es nannte, prägen sollte. Während einer Operation mit dem Chef war bei ihm nicht nur die Kenntnis der einzelnen OP-Schritte notwendig, sondern es galt auch, Fragen zur Person des Erstbeschreibers oder des Stellenwertes oder der Bedeutung des Eingriffes zu beantworten. Es ist kein Zufall, dass zu dieser Zeit der spätere langjährige Archivar der DGU und ebenfalls Lutzeyer Schüler, Prof. Dr. Peter Rathert, die Klinik verlassen hatte und seine Chefarztstelle in Düren antrat. Durch die väterliche Förderung beider war für mich der Weg in die Urologiegeschichte mehr als vorgezeichnet. Nach meinem Wechsel nach Köln konnte ich dank der wohlwollenden Haltung meiner Chefs, Prof. Dr. Marx und PD Dr. Leissner, meinen Schwerpunkt ausbauen und akzentuieren.

Welche Bedeutung hat die Geschichte aus Sicht des Curators des Museums und Archivs der DGU und Vorsitzenden des AK Geschichte der Akademie Deutscher Urologen für unser Fach?

Die Geschichte gehört, wie schon erwähnt, zu den untrennbaren Teilgebieten unseres Faches - auch wenn sie in ihren Techniken und Methoden diametral zu den gewohnten Forschungsaufgaben und Themenaspekten liegt. Bezeichnenderweise begann der erste Präsident der DGU, Anton Ritter von Frisch, auf dem Kongress in Wien seine Präsidentenrede mit einer fundierten historischen Einleitung. Kurze Zeit später wurde bereits die Einrichtung eines Archivs und einer Sammlung gefordert. Die historische Methode ist somit integrativ fachkonstituierend. Dies kommt in der Etablierung eines eigenen Arbeitskreises seit 1991 in der Organisation der DGU besonders zum Ausdruck. Gerade heute besitzt die Vermittlung der „weichen Werte“, also der geisteswissenschaftlichen Gewichtung neben der klassischen naturwissenschaftlichen Wissensvermittlung, einen besonderen Stellenwert innerhalb einer medizinischen Fachgesellschaft, insbesondere, da die reine Technikfokussierung in der breiten Öffentlichkeit zunehmend häufiger kritisiert wird. Im Bereich der institutionalisierten Medizingeschichte an Hochschulen tritt weiterhin ein Wandel hin zur Analyse medizinethischer Fragen ein, der häufig den Schwerpunkt vieler Universitätsinstitute verlagert. Gerade hier muss eine medizinische Fachgesellschaft sich deutlich positionieren und Flagge zeigen. Die DGU hat dies seit Langem getan. Deshalb verteilte sie nach dem Ausscheiden von Prof. Rathert als Archivar die vielfältigen Aufgaben auf zwei Schultern - denen des Archivars Prof. Dr. Schultheiss - und denen des Curators, der gleichzeitig Vorsitzender des AK Geschichte ist. Denn die Urologie als medizinisches Querschnittsfach kann Folien für weiterführende Untersuchungen liefern. Mit den Veröffentlichungen zum 100jährigen Jubiläum sowie dem auch von Medizinhistorikern beachteten Projekt „Urologen im Nationalsozialismus“ konnten hier wichtige Beiträge zur Erforschung unseres Fachgebietes geleistet werden.

Gibt es neue Projekte?

Das NS-Projekt soll mit einer weiteren englischsprachigen Publikation, die die Auswirkungen des NS-Regimes auch auf unsere europäischen Nachbarn beleuchtet, fortgeführt werden. Eine Dokumentation der Kongresse der DGU im politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Umfeld von 1907-2012 sowie der jeweiligen Präsidenten und deren Reden „Urologie mit Herz und Verstand“, Springer Verlag, wird zum 64. Jahreskongress in Leipzig erscheinen. Weiterhin planen wir, die Zeit nach 1945 stärker zu fokussieren und besondere Probleme der Fachdifferenzierung in Ost und West sowie den internationalen Wissenschaftsaustausch vermehrt aufzuarbeiten.

Was läuft im Museum und Archiv zur Geschichte der Urologie in Düsseldorf?

Das Museum und Archiv der DGU ist unverzichtbarer Bestandteil unserer Fachgesellschaft und daher in unserer Geschäftsstelle untergebracht. Es ist der Erforschung und Darstellung der Medizin- und Urologiegeschichte gewidmet und ausgestattet mit einer hochwertigen Kollektion von seltenen Buchausgaben, Ausstellungsstücken, Archivarien und Bildern. Museum und Archiv stellen die Geschichte der Urologie und die Entwicklung des Fachgebiets über die verschiedenen Zeitalter dar, mit Schwerpunkt auf den deutschsprachigen Ländern in Europa. Zudem werden 3000 Jahre der urologischen Wissenschaft reflektiert und die Zeitbedingtheit vieler Forschungsansätze aufgezeigt. Bei ihrer täglichen Arbeit greifen immer wieder Kollegen, nicht nur aus der Urologie, auf Archivalien und die Expertise der Mitarbeiter zurück, um aktuelle Fragen insbesondere in gutachterlichen Zusammenhängen oder bei Forschungsproblemen zu beantworten. Als strategischer Marketing Faktor dient das Museum auch der Außendarstellung der deutschen Urologie für eine breite Öffentlichkeit und erlaubt über eine eigene Website (http://museum.dgu.de) einen ersten Einblick in die Sammlung und Schwerpunkte und damit in das Fach selber. Im Rahmen eigener musealer Forschungs- und Sammlungsfragen arbeiten wir mit nationalen Institutionen wie dem Deutschen Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt und internationalen Einrichtungen wie der Internationalen Nitze- Leiter- Forschungsgesellschaft in Wien seit Jahren eng und freundschaftlich zusammen. Weiterhin sind wir bei den historischen Ausstellungen der AUA und der EAU jährlich vertreten und präsentieren zum Jahreskongress der DGU eine eigene wissenschaftshistorische Ausstellung, die stets gut besucht wird - neuerdings auch von den Teilnehmern des Schülerprojektes der DGU.

Wie bewältigen Sie den Spagat zwischen Klinik, Ehrenamt und Freizeit?

Glücklicherweise liegen Köln und Düsseldorf eng beieinander, so dass ich zwischen meinem Dienst an einem der größten kommunalen Krankenhäuser mit Leitung der Dependance im Krankenhaus Merheim und dem Düsseldorfer DGU-Museum pendeln kann. Dort werde ich dankenswerter Weise von Prof. Schultheiss, der Geschäftsstelle und Prof. Rathert unterstützt, der häufig die Führung von Besuchergruppen übernimmt, die sich zu den „bürgerlichen“ Arbeitszeiten anmelden. Wenn ich mich schließlich bei guter Musik - ich tendiere da zu den golden 20th and 30th - einem Museumsobjekt bei der Akzession widmen kann, ist Entspannung angesagt.

Im Gespräch mit Dr. Sabrina Schöne

Sie arbeiten aktiv in den Gremien der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. und des Berufsverbandes der Deutschen Urologen e.V. oder vertreten die Urologie darüber hinaus auf nationaler und internationaler Ebene: Zahlreiche Urologinnen und Urologen engagieren sich ehrenamtlich für ihr Fachgebiet. Darunter ist auch Dr. Sabrina Schöne. Sie ist Assistenzärztin im Vinzentius Krankenhaus Landau/Speyer und erste Vorsitzende der German Society of Residents in Urology (GeSRU).

Frau Dr. Schöne, Sie stehen als Nachfolgerin von Dr. Nicola von Ostau seit fast einem Jahr an der Spitze der GeSRU: Ist soviel Frauenpower beispielhaft für den steigenden Frauenanteil in der Urologie?

Die Medizin wird weiblich und macht auch vor der Urologie nicht halt.
Frauen waren schon immer stark in der GeSRU vertreten, allen voran Dr. Ulrike Necknig, die mit ihren Ideen und ihrem Engagement wesentlich zum Erfolg der GeSRU beigetragen hat.
Aber nach wie vor gilt es, große Herausforderungen anzugehen: Bei mittlerweile fast 70% Frauenanteil unter den Medizin-Absolventen brauchen wir neue Konzepte, um das Potential der vielen sehr guten Frauen in der Urologie zu nutzen – möglicherweise in Teilzeit und mit flexiblen Arbeitszeiten.
Wenn wir die Besten für die Urologie haben wollen, brauchen wir auch die besten Ideen für eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf.  
 
Welchen aktuellen Schwerpunktaufgaben widmet sich die GeSRU derzeit?

Unsere Maxime ist eine stetige, flächendeckende Verbesserung der urologischen Weiterbildung und natürlich die Mitgestaltung einer Urologie von Morgen. Darüber hinaus wollen wir Nachwuchsurologen die Möglichkeit zur Netzwerkbildung und zum gegenseitigen Austausch geben.
Wir verfolgen diese Ziele auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Wir bieten eine Vielzahl von Veranstaltungen auf den regionalen und nationalen Kongressen an und initiieren eigene Workshops. Besonders hervorzuheben ist das Mentoring-Programm, das im Frühjahr 2012 schon in die 4. Runde ging. Was in der Wirtschaft längst zum Standard gehört, dass jungen Kollegen ein erfahrener, profilierter Mentor an die Seite gestellt wird, haben wir als erstes Fach in der Medizin hinbekommen.
Berufspolitisch sind wir gut in der DGU und dem BDU integriert und können die Probleme und Sorgen der Assistenzärzte direkt in den entscheidenden Gremien vortragen. Im Moment kämpfen wir weiter dafür, ein Bewusstsein für die Bedeutung der Zusatzweiterbildung „medikamentöse Tumortherapie“ zu schaffen. Nach unserer Meinung müssen dringend Änderungen in der Weiterbildungsordnung angestrebt werden.

Wie ist Ihre persönliche Einschätzung zur Nachwuchsförderung von DGU, Akademie und BDU?

Wir spüren auf allen Ebenen einen zunehmenden Ärztemangel. Diese Situation führt unweigerlich dazu, dass die Nachwuchsförderung eine größere Rolle spielt. Beim letzten Jahreskongress der DGU war sie sogar eines der Schwerpunktthemen. Alle haben verstanden, dass wir in den nächsten Jahren um die besten Medizinabsolventen werben und wettstreiten müssen. Meine Aufgabe sehe ich darin, dieses Bewusstsein zu nutzen, um die Weiterbildungssituation für urologische Assistenzärzte zu optimieren.
Die GeSRU arbeitet eng mit der DGU, der Akademie und dem BDU zusammen. Wir werden in besonderer Weise unterstützt. Als Vorsitzende der GeSRU bin ich gleichzeitig Mitglied der Programmkommission der DGU. Wir entsenden einen Vertreter in den BDU-Hauptausschuss, dem höchsten Gremium des BDU. In Kooperation mit der Akademie der Deutschen Urologen gibt es aktuell ein neues Projekt für ein curriculäres, facharztbegleitendes Weiterbildungsprogramm, das noch in diesem Jahr als „Juniorakademie“ realisiert werden soll.
Diese starke Integration der Assistenzärztinnen und -ärzte ist ein weiteres Markenzeichen der Urologie. Dies macht unser Fachgebiet gerade für den Nachwuchs besonders attraktiv.  

Der Schülertag auf dem DGU-Kongress zieht Kreise, fand mit GeSRU-Unterstützung auch im Rahmen der Jahrestagung der Bayerischen Urologenvereinigung statt: Wie erleben Sie diese Initiative und die Teilnehmer?

Die Initiative lebt. Es macht Spaß, dem potentiellen Nachwuchs beim urologischen Alltagsgeschäft zuzuschauen, zu sehen, wie geschickt sich viele anstellen und wie viel Spaß und Freude die Teilnehmer haben. So wird ein Interesse geschaffen für die Medizin und unser Fach.

Wie sieht Ihre Work-Life-Balance aus: Schaffen Sie den Spagat zwischen Klinik, Berufspolitik und Privatleben? Haben Sie Tipps für junge Kollegen?

Das Amt als GeSRU-Vorsitzende empfinde ich nach wie vor als sehr reizvoll. Es beinhaltet den regelmäßigen Austausch mit den prominentesten Köpfen unseres Faches, engen Kontakt zu Assistenzärztinnen und –ärzten aus ganz Deutschland und Europa. Es gibt einem vor allem die Möglichkeit, aktiv an der Ausgestaltung der Urologie von Morgen teilzuhaben. Die meiste Zeit genieße ich die Abwechslung, die mir diese drei Felder GeSRU, Klinik und Familie bieten. Natürlich gibt es immer Phasen, in denen das eine oder das andere etwas zu kurz kommt. Aber durch die Unterstützung von meiner Familie, Freunden, dem Team der GeSRU und dem Team im Krankenhaus ist der Spagat bisher ganz gut zu meistern.
Ich glaube, wenn man Spaß hat an dem was man tut, kommt die Work-Life-Balance von selbst in ein gutes Gleichgewicht. Und der Tag hat ja zum Glück 24 Stunden.