Im Gespräch mit Prof. Dr. med Joachim Thüroff (Juli 2011)

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Schlagworte: Interview
Autor: Pressestelle DGU/BDU|Veröffentlicht am 01. August 2011|Aktualisiert am 06. April 2017

Im Gespräch mit Prof. Dr. med. Joachim Thüroff

Interviewreihe

Sie arbeiten aktiv in den Gremien der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. und des Berufverbands der Deutschen Urologen e.V. oder vertreten die Urologie darüber hinaus auf nationaler und internationaler Ebene: Zahlreiche Urologinnen und Urologen engagieren sich ehrenamtlich für ihr Fachgebiet. Darunter ist auch Professor Dr. Joachim Thüroff. Der Direktor der Urologischen Klinik, Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, steht als amtierender SIU-Präsident dem 31. Welt-Kongress der Urologie vom 16. bis 20. Oktober 2011 in Berlin vor.

Rund 5000 Urologen aus 122 Ländern werden in Berlin erwartet und machen den 31. Kongress der SIU zu einem internationalen Großereignis der Urologie: Welche Schwerpunkte verfolgt der diesjährige Kongress?

Professor Dr. Joachim Thüroff: Der Jahreskongress der Société Internationale d’Urologie (SIU) umfasst als wissenschaftlicher Weltkongress der Urologie das gesamte Gebiet der konservativen und operativen Urologie. Ausgewiesene urologische Experten aus aller Welt werden dazu in Plenarpräsentationen, Debatten und Round Tables beitragen. Die neuesten wissenschaftlichen Originalien werden in Podiums-, Poster- und Videositzungen präsentiert. Entsprechend des globalen und philantrophischen Charakters werden auch andernorts seltener behandelte Themen wie urogenitale Fisteln, tropische Infektionen und die Entwicklung der Urologie in Entwicklungsländern, insbesondere in Afrika, behandelt. Als assoziierte Veranstaltungen finden am 15. und 16. Oktober die Tagung der World Urologic Oncology Federation (WUOF) statt, sowie die International Consultation on Urologic Diseases (ICUD) zum Prostatakarzinom mit Präsentation der neuesten Ergebnisse als „take home messages“ am Donnerstag, den 20.10.2011.

Was bedeutet es für die Urologie in Deutschland, Veranstaltungsland des SIU-Kongresses zu sein?

Professor Dr. Joachim Thüroff: Die 1907 in Paris gegründete Société Internationale d’Urologie hat schon einmal in Berlin getagt, das war im Jahre 1914 der insgesamt dritte Kongress dieser Gesellschaft unter der Präsidentschaft von James Israel. Dass nunmehr Berlin erneut als Austragungsort gewählt wurde, reflektiert die Rolle des ehemals geteilten Berlins nach dem Fall der Mauer 1989. Seitdem steht Berlin mit dem Brandenburger Tor als ehemaliger Grenze zwischen West- und Ostblock als Symbol für die Veränderungen in Europa, die West-Ost-Aussöhnung und die Globalisierung. Die deutsche Urologie ist stolz, Gastgeber der Welturologie zu sein und ist sich ihrer historischen Rolle bewusst. So wird in historischen Sitzungen nicht nur die Geschichte der SIU in Deutschland aufgearbeitet, sondern insbesondere auch das Schicksal der jüdischen urologischen Kollegen während des Dritten Reiches. Grundlage dafür ist das von der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. initiierte und finanzierte Forschungsprojekt „Urologie im Nationalsozialismus“.

Was bedeutet es für Sie persönlich, dem Weltkongress der SIU vorzustehen?

Professor Dr. Joachim Thüroff:
Ich betrachte diese Auszeichnung als Anerkennung für meine langjährige Vorstandstätigkeit in der SIU, insbesondere meiner Leitung des „SIU Institute and Scholarship Committee“, wo wir uns durch Einrichtung und Akkreditierung von urologischen Ausbildungszentren insbesondere in Entwicklungsländern und durch Vergabe von Ausbildungsstipendien bemüht haben, die Rolle und den Standard der Urologie in den Ländern zu verbessern, in denen es teilweise nur einige wenige Urologen für die Gesamtbevölkerung gibt.

Heute sind Sie ein Urologe von Weltruf mit großen Verdiensten für das Fach: Was hat Sie zu Beginn Ihrer Laufbahn in die Urologie geführt?

Professor Dr. Joachim Thüroff:
Das ist kurz gesagt: Die Primärmotivation kam sicher aus dem Elternhaus, mein Vater war urologischer Belegarzt in Limburg. Während meines Medizinstudiums hat mich ein „clerkship“ in den USA nach Houston/Texas verschlagen, wo ich erstmals mit der Neurourologie unter Brantley Scott konfrontiert wurde. Schlussendlich war es die Möglichkeit einer Ausbildung bei Rudolf Hohenfellner in Mainz, der mich als national und international überragender Lehrer in meiner beruflichen Entwicklung geprägt hat.

Welche urologisch-medizinischen Fragestellungen beschäftigen Sie aktuell?

Professor Dr. Joachim Thüroff: Insbesondere die Form und Struktur der Weiterbildung junger Kollegen zu urologischen Fachärzten und Wissenschaftlern in einer Zeit, in der sich in mehrerer Hinsicht ein Paradigmenwechsel für unser Fach zeigt: Unter DRG-Bedingungen verwandeln sich ehemalige Ausbildungskliniken zunehmend in reine „Facharztkliniken“, in denen zugunsten einer größtmöglichen Effizienz keine Ausbildung mehr stattfindet. Auch in den Universitätskliniken, deren Domäne die Spitzenausbildung des urologischen Nachwuchses sein sollte, leidet diese unter dem kontinuierlich steigenden Effizienzzwang des DRG-Systems. Dazu kommen ungelöste Fragen der Ausbildung in robotisch-assistierten laparoskopischen Eingriffen, z.B. wie grundlegend eine solche Ausbildung für alle Urologen sein muss, wie weit die zukünftige Verbreitung dieser Techniken vorhergesagt werden kann und ob dies der Beginn einer „Modularurologie“ mit Subspezialisten nicht nur im wissenschaftlichen Bereich, sondern auch in der chirurgischen Expertise sein wird. Mit der Kinderurologie hat die Subspezialisierung der Urologie sinnvollerweise begonnen, hier müssen die Universitätskliniken z.B. mit Einrichtung von kinderurologischen Professuren den Weg bereiten.
Neben der Roboterchirurgie sind medizinisch-wissenschaftliche Fragestellungen der funktionellen Urologie des unteren Harntraktes, der Harnableitung sowie der Chirurgie bösartiger Tumoren unsere Hauptanliegen.

Bleibt Ihnen neben dem Klinikbetrieb und Ihrem großen Engagement für die Urologie noch Zeit für Hobbys?

Professor Dr. Joachim Thüroff: Schon, leider häufig nur auf Urlaubszeiten beschränkt. Hier sind es der Wassersport und im Winter das Skifahren.

Interview: DGU-Pressestelle