Autor: Pressestelle DGU/BDU|Veröffentlicht am 19. Dezember 2006|Aktualisiert am 26. Mai 2017

Evidenz-Kompetenz stärken: Kritischer Blick auf medizinische Statistiken will gelernt sein

08.07.2013 Immer neue Studien, immer neue Forschungsergebnisse, die Fülle an Informationen wächst auch in der Medizin unaufhörlich: Für Ärzte wird es zunehmend schwieriger, diese Mengen zu bewältigen und zu bewerten, insbesondere wenn die Erkenntnisse in Statistiken gebündelt transportiert werden. Bei einem Großteil der Ärzteschaft sieht Professor Gerd Gigerenzer erheblichen „Nachholbedarf beim Verständnis von statistischer Evidenz“. Der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin sowie des Harding Zentrums für Risikokompetenz attestiert manchem Mediziner gar statistisches Analphabetentum.

Um bislang unbekannte Prozesse und Mechanismen wissenschaftlich zu entschlüsseln, kommt der Analyse experimenteller und klinischer Daten Bedeutung zu. Für die Frage, ob sie eine wissenschaftliche Hypothese stützen oder widerlegen, spielt der Begriff der Evidenz eine wichtige Rolle. Aber wie wird Evidenz quantifiziert, was bedeutet sie im Kontext einer statistischen Auswertung? Hier mahnt Prof. Gigerenzer Mediziner, dringend ihre Evidenz-Kompetenz zu stärken, um den tatsächlichen Informationsgehalt klinischer Studien verstehen sowie beurteilen und „sauberes“ von „unsauberem“ Wissen trennen zu können.

Das Problem der statistischen Verzerrung, auch Bias genannt, erläutert der Wissenschaftler am Beispiel von Überlebensraten, die vielfach für den Erfolg der Früherkennung im Kampf gegen Krebs gewertet werden. Steigende Überlebensraten würden oft mit sinkenden Sterblichkeitsraten gleichgestellt. Die Überlebensstatistik ist für ihn jedoch kein valides Maß für Vergleiche von Gruppen, deren Erkrankung unterschiedlich diagnostiziert wurde - Früherkennung versus Symptome. Hier sieht er zwei statistische Verzerrungen: Es entstehe ein „Vorlaufzeit-Bias“, weil ein Screening den Zeitpunkt der Krebsdiagnose nur vorverlege und sich die Überlebenszeit dadurch scheinbar verlängere. Und: „Da durch die Früherkennung auch sehr langsam wachsende oder nichtprogressive Tumoren mit in die Überlebensstatistik einbezogen würden, komme es überdies zum ‚Überdiagnose-Bias’“, sagte Gigerenzer der Ärzte-Zeitung weiter. Daher sei die Fünfjahres-Überlebensrate nicht geeignet, den Nutzen von Früherkennung abzuschätzen.

In einer Untersuchung hatte der Bildungsforscher 65 Mediziner befragt, wonach sie die Wirksamkeit eines Screenings beurteilen würden. 79 Prozent der Befragten nannten hier die Fünfjahres-Überlebensrate. Nur zwei der 65 Ärzte konnten mit „Vorlaufzeit-Bias“ etwas anfangen, den Begriff „Überdiagnose-Bias“ konnte keiner erklären.

Text: DGU/BDU-Pressestelle


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