Facharzt.de-Interview mit Dr. Schroeder: „Wir brauchen neue Versorgungsformen“

Autor: Redaktion|Veröffentlicht am 04. Dezember 2014|Aktualisiert am 06. April 2017

„Wir brauchen neue Versorgungsformen“

Ärztenachrichtendienst-Interview mit Dr. Schroeder

Es ist wohl das, was man eine Zwickmühle nennt, in der die Urologen stecken: Ihre Patienten werden immer älter, entsprechend steigt der medizinische Versorgungsbedarf. 20 Prozent mehr Fälle erwarten die Urologen bis 2025. Die aber müssen von immer weniger Ärzten bewältigt werden.

Die Versorgungslast treffe die Urologen deshalb besonders stark, weil sie meist Erkrankungen behandeln, die mit dem Alter häufiger werden, beklagten führende Vertreter der Fachrichtung Anfang des Monats auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie. So betrage der urologische Leistungsbedarf eines über 60-jährigen Mannes das Sechsfache gegenüber dem eines unter 60-jährigen.  

Dr. Axel Schroeder ist gerade als Präsident des Berufsverbandes der Deutschen Urologen (BDU) bestätigt worden. Im Interview mit dem änd spricht der Urologe aus Neumünster und stellvertretende Vorsitzende des Spitzenverbands Fachärzte Deutschlands Spifa über die Unterfinanzierung seiner Fachrichtung, die Pläne für seine zweite Amtszeit und Abzocker-Vorwürfe der Krankenkassen. 

Herr Dr. Schroeder, Sie sagen, 20 Prozent der erbrachten Vertragsarztleistungen in der Urologie seien unterfinanziert – Tendenz steigend. Sie fordern dringend Abhilfe, also mehr Geld. Ansonsten müsse man sich „mit verringerten Arbeitszeiten am Patienten abfinden“. Wie wirksam sind solche Drohungen?  

Das sind keine Drohungen, sondern ein dringender Appell an Politik und Selbstverwaltung dem sozio-demografischen Wandel Rechnung zu tragen. Unser Fach ist von der Alterung der Gesellschaft stark betroffen. Wir haben steigende Patientenzahlen und gleichzeitig einen potentiellen Mangel an Urologinnen und Urologen in Praxis und Klinik. Wir niedergelassene Urologen übernehmen immer mehr Grundversorgung bei mangelnder hausärztlicher Versorgung und steigender spezialärztlicher Versorgung, gemäß der Losung ambulant vor stationär.  

Wie groß ist der Zusammenhalt der Urologen in Ihrem Verband in dieser Frage?  

Der ist groß. Denn uns eint der gemeinsame Anspruch einer qualifizierten urologischen Versorgung. 

Wie könnte denn eine Lösung des Finanzierungsproblems aussehen?  

Einen Ausweg aus dieser Misere sehe ich in der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung, einer Honorierung in Euro und Cent und nicht nach Punkten, in festen Preise und Einzelleistungen. Außerdem braucht es Kostenerstattung und neue Versorgungsformen im Rahmen integrierter Modelle. 

Gerade sind Sie als BDU-Präsident bestätigt worden. Wie fällt das Fazit Ihrer ersten Amtszeit aus?  

Mir war es ein wichtiges Anliegen für die Kollegen in der ambulanten Versorgung nicht nur Fortschritte im Kollektivvertrag zu erzielen, sondern auch auf dem Feld der Selektivverträge einen Zusatznutzen für die urologische Versorgung zu generieren. 

Was haben Sie in diesem Bereich erreicht? 

Es gibt Selektivverträge mit der BKK-Mobil Oil zum Hodenkrebs-Screening und einen Vertrag mit der AOK-Nord-Ost zum Prostata-Karzinom. Bei einem weiteren umfassenderen Vertrag für Nordrhein-Westfalen mit der BEK/GEK zur Active Surveillance befanden wir uns bereits in fortgeschrittenen Verhandlungen. Uns ist es zwar gelungen, die ausführlichen, mehrfachen Beratungen inklusive Zweitmeinungsverfahren in die Versorgung zu integrieren. Und auch die geforderte qualifizierte Prostatabiopsie zu implementieren und als Einzelleistung zu vergüten. 

Aber?  

Die Führungsebene der BEK/GEK in Nordrhein-Westfalen hat die Vergütung der Prostatabiopsie als Einzelleistung wieder zurückgenommen. Das bedaure ich sehr. Wir haben deshalb im Präsidium beschlossen, diesen Vertrag so nicht zu unterzeichnen. Die Re-Biopsie ist und bleibt essentieller Bestandteil eines künftigen Selektivvertrages. Mit mir als Präsident gibt es da keine Kompromisse. 

Welche Rolle spielt künftig die ambulante spezialfachärztliche Versorgung für die niedergelassenen Urologen?  

Sie hat das Potential eines künftigen dritten Sektors in der Versorgung durch spezielle Fachärzte – und zwar nicht nur in der Behandlung schwerer Verlaufsformen wie in der Uro-Onkologie –, sondern auch im ambulanten Operieren und vielem mehr. Und dies alles außerhalb einer morbiditätsgewichteten Gesamtvergütung – ohne Budgetierung, als Einzelleistung. Auch wenn hier noch dringend einige administrative Hürden abgebaut werden müssen. 

Sie haben den Arbeitskreis „Angestellte Ärzte“ ins Leben gerufen. Was waren die Gründe?  

Mit der Gründung des Arbeitskreises ist es uns gelungen, Kollegen und Kolleginnen aus sämtlichen Anstellungsbereichen zu gewinnen. Die Mehrheit der Urologinnen und Urologen sind angestellt. Nicht nur in Kliniken, sondern auch in Praxen und medizinischen Versorgungszentren. Mit der Einrichtung eines eigenen Arbeitskreises kommen wir der Verpflichtung nach, diese spezifischen Interessen stärker zu bündeln. Wir wollen künftigen Urologen eine Perspektive, eine Zukunft geben. 

Welche Voraussetzungen müssen die künftigen Kollegen denn mitbringen?  

Der Facharzt 2020, der künftige Urologe wird dem heutigen Facharztprofil nur noch in Teilaspekten entsprechen. Das ist einerseits einem Generationswandel geschuldet: Die neue Generation von Ärzten legt Wert auf eine ‚work life balance’, will also Familie und Beruf miteinander vereinbaren. Aber auch die Ansprüche in der Urologie ändern sich. 

In wie fern? 

Trotz massiver Förderung der hausärztlichen Versorgung setzt sich der Trend zum Facharzt fort. Das hat Konsequenzen in der Versorgung. Fachärzte in der Urologie werden vermehrt hausärztliche Grundversorgung sowie eine spezialfachärztliche Versorgung übernehmen. Dabei verliert die Trennung zwischen stationär und ambulant immer mehr an Bedeutung. Der Urologe der Zukunft ist ein qualifizierter Operateur ein kompetenter Uro-Onkologe mit fachspezifischer Diagnostik und konservativer Therapie mit weiteren Zusatzqualifikationen und Schwerpunkten. Eingebettet in einem regionalen Netzwerk, interdisziplinär und Sektor übergreifend. 

Was bedeutet das alles für die Weiterbildung Ihrer Kollegen?  

Wir setzen uns als Berufsverband für eine qualifizierte, strukturierte Weiterbildung in der Urologie ein, was im Wesentlichen durch eine Novellierung der Musterweiterbildungsordnung im Fachgebiet Urologie geleistet wird. Ein standardisierter Ausbildungsplan schafft mit einem Logbuch Transparenz. Dieses Logbuch haben wir mit einer App für Smartphones erweitert. Fortbildung betrifft aber nicht nur den ärztlichen Bereich. Besonders am Herzen liegt uns die qualifizierte Aus – und Fortbildung unseres Assistenzpersonals in Klinik und Praxen. Denn ohne die werden wir künftige Versorgungsaufgaben in der Urologie nicht bewerkstelligen können. 

Immer wieder kritisieren Krankenkassen Ärztegruppen, die besonders viele Selbstzahler-Leistungen abrechnen. Zu diesen sogenannten „GOUDA“-Ärzten zählen auch die Urologen. Wie fühlt es sich an, als Abzocker am öffentlichen Pranger zu stehen?  

Mit dem öffentlichen Pranger können wir leben, sehen unsere Patienten doch in dem Angebot medizinisch sinnvoller Wahlleistungen eine verbesserte individuelle Versorgung. Wir sind nicht nur Vertragsärzte, sondern freiberufliche Ärzte und primär dem Patienten verpflichtet und nicht der Kasse. Gerade in der fachärztlichen Versorgung haben wir medizinische Innovation und Spezialisierung, die nicht unmittelbar in der kassenärztlichen Versorgung Einzug halten. Diese Leistungen können und dürfen wir unseren Patienten nicht vorenthalten. Eine Zwei-Klassenmedizin lehnen wir ab. 

Was raten Sie Kollegen, die sich mit dieser Art von Kritik konfrontiert sehen?  

Kommunikation und Transparenz waren von Anfang an das oberste Gebot in der vertrauensvollen Arzt-Patientenbeziehung. Dazu gehören seriöse Leistungsangebote sowie umfassende Information und Beratung, so dass jeder Patient für sich entscheiden kann, welche medizinisch sinnvollen Leistungen er in Anspruch nimmt. 

Vielen Dank für das Gespräch!  

Interview: Marco Münster 
änd Ärztenachrichtendienst