Facharzt.de- Interview: Dr. Schroeder: „Der PSA-Wert ist das beste Aufgreifkriterium, das wir haben.“

Autor: Redaktion|Veröffentlicht am 09. Januar 2016|Aktualisiert am 06. April 2017

Prostatakrebsfrüherkennung: „Der PSA-Wert ist das beste Aufgreifkriterium, das wir haben“

Interview mit Dr. Axel Schroeder
Von Arnd Petry/ © änd Ärztenachrichtendienst 

Die Ärzte im Test berieten meistens schlecht. So lautet das Fazit der Stiftung Warentest, nachdem Testpersonen 20 Praxen von Urologen und Allgemeinmedizinern aufgesucht hatten. Nur sechs der überprüften Ärzte hätten darauf hingewiesen, dass der Nutzen des PSA-Tests umstritten ist, kritisieren die Verbraucherschützer. „Die Gynäkologen wären froh, wenn sie für das Mammakarzinom so einen Marker hätten“, entgegnet Dr. Axel Schroeder, Präsident des Berufsverbandes der Deutschen Urologen (BDU), im Gespräch mit dem änd. Ein PSA-Test ohne die Bereitschaft des Patienten für eine eventuelle Biopsie mache aber keinen Sinn.

Herr Dr. Schroeder, schlecht beratene Patienten können laut Stiftung Warentest nicht kompetent über die Inanspruchnahme der verschiedenen Früherkennungsmaßnahmen entscheiden. Welche Untersuchungen sind denn für die Früherkennung von Prostatakrebs sinnvoll?

Wir haben eine Leitlinie zur Diagnostik von Prostatakrebs. Die ist wissenschaftlich gut untermauert. Deshalb gibt es für den Mann ab 45 eine Krebsfrüherkennungsuntersuchung. Dessen Basis ist die körperliche Untersuchung, auf die jeder Kassenpatient ab 45 einmal im Jahr Anspruch hat. Der Tastbefund der Prostata ist allerdings im Sinne einer Früherkennung unzureichend. Wenn wir tasten, finden wir oft klinisch fortgeschrittenen Prostatakrebs und nicht unbedingt nur Frühstadien. Deshalb empfiehlt die Leitlinie einen zusätzlichen PSA-Test.

Auch wenn über den PSA-Wert von Seiten der Krankenkassen und der Medien oft polemisiert wird, er tauge nichts: Der PSA-Wert ist das beste Aufgreifkriterium, das wir zur Zeit haben. Die Gynäkologen wären froh, wenn sie für das Mammakarzinom so einen Marker hätten. Es ist ein Aufgreifkriterium, dass es uns ermöglicht – bei auffälligem Verlauf der Werte mit einer zusätzlichen Gewebeprobe – frühzeitig ein Prostatakarzinom zu entdecken. Wenn man nichts sieht und nichts fühlt, ist das PSA der einzige Parameter, der Orientierung bietet. Der PSA-Wert signalisiert, ob mit der Prostata irgendetwas nicht in Ordnung ist. Mehr aber auch nicht. PSA ist kein Tumormarker, sondern ein Organmarker. PSA kann bei Entzündungen, Stauungen oder Blasenentleerungsstörungen ansteigen. Ebenso bei einer gutartigen Vergrößerung der Prostata und auch bei Prostatakrebs. Auf den PSA-Wert alleine darf man sich aber auch nicht verlassen. Es gibt Karzinome, die bilden kein PSA. Aber das ist Expertenwissen. Deshalb macht es keinen Sinn, wenn Hausärzte den PSA-Test als IGeL-Leistung anbieten. Die Interpretation des PSA-Wertes ist sehr komplex. Man muss kritisch und differenziert damit umgehen. Deshalb – und das sage ich nicht nur als Präsident des Berufsverbandes der Deutschen Urologen – gehört der PSA-Test in die Hände von Experten, den Urologen. Für einen Experten ist der PSA-Wert aber unbestritten ein wichtiges Aufgreifkriterium in der Früherkennung des Prostatakarzinoms. Was wir danach im Falle eines positiven Befundes machen – Übertherapie, Untertherapie – ist eine ganz andere Debatte!

Wer profitiert Ihrer Ansicht nach von einem PSA-Test?

Wir empfehlen jedem Mann ab 45, zumindest einmal einen PSA-Basiswert bestimmen zu lassen. Je nach Wert können wir heute aufgrund der Erfahrung das Risiko eines Patienten einschätzen und entscheiden, wann er zum Kontrolltest kommen sollte. Wenn der Basiswert hoch ist und eine familiäre Disposition vorhanden ist, sollten sich Männer alle sechs Monate testen lassen, in anderen Fällen nur alle zwei, drei oder fünf Jahre. Liegen die Werte bei einem 45-Jährigen zum Beispiel bei 0,8, reicht es, wenn die nächste Untersuchung in fünf Jahren folgt. Ein 55-Jähriger mit einem PSA-Wert von 2,2 sollte jährlich kontrolliert werden. Bei einem 65-Jährigen mit einem Wert von 4,5 müsste man dann gegebenenfalls weitere Untersuchungen machen, um ein Prostatakarzinom auszuschließen – beispielsweise eine Ultraschalluntersuchung oder eine Gewebeprobe.

Wichtig ist es, den Patienten das Folgende zu verdeutlichen: Ein einziger PSA-Test sagt wenig aus. Entscheidend ist das PSA-Monitoring, der Verlauf über Jahre. Und auch das muss man dem Patienten sagen: Zur Einwilligung für einen PSA-Test sollte die Bereitschaft gehören, gegebenenfalls eine Gewebeprobe nehmen zu lassen. Denn ein PSA-Test ohne die Möglichkeit einer späteren Biopsie macht keinen Sinn.

Was ist mit Bild gebenden Verfahren, können die eine schonende Alternative für die Früherkennung sein?

Nein, für die gezielte Früherkennung von Prostatakrebs gibt es noch kein brauchbares Bild gebendes Verfahren. Die Entdeckungsrate der Ultraschalluntersuchung ist nicht ausreichend. Eine Ultraschalluntersuchung hilft gleichwohl bei der allgemeinen Beurteilung der Prostata. Das Hauptkrankheitsbild ist ja die gutartige Prostatavergrößerung, die jeder Mann ab 50 entwickelt. Neue Kernspinuntersuchungen sind für die Früherkennung auch noch nicht geeignet. Sie helfen aber bei der Beurteilung bereits diagnostizierter Karzinome.

Die Stiftung Warentest bemängelt, dass Ärzte ihre Patienten nicht umfassend und ausgewogen über die Vor- und Nachteile der Krebsfrüherkennung informieren. Was sollten Patienten wissen?

Wenn wir Prostatakrebs im Frühstadium finden, können wir heilend behandeln. Das ist der entscheidende Vorteil. Zum Nachteil: Worin soll der Nachteil der Früherkennung denn bestehen – außer vielleicht in der Erkenntnis, dass man Krebs hat? Wie man mit einem positiven Ergebnis umgeht, ist der nächste Schritt. Das ist aber eine andere Diskussion und gehört nicht zur eigentlichen Früherkennung. Wir suchen händeringend nach Methoden, um die mögliche Entwicklung von Prostatakarzinomen besser beurteilen zu können. Und zum Glück haben wir heute bei Prostatakrebs verschiedene Behandlungsoptionen – von der aktiven Überwachung über die Operation und die medikamentöse Therapie hin zur Strahlenbehandlung. Die Patienten werden ihrem persönlichen Risiko entsprechend individuell behandelt. Der Vorwurf „Übertherapie“ ist daher gar nicht gerechtfertigt. Das mag vor zehn Jahren noch so gewesen sein, als wir davon überzeugt waren, ein Prostatakarzinom gehört entweder herausgenommen oder bestrahlt. Heute behandeln wir wesentlich differenzierter. Nach mehr als 30 Jahren als praktizierender Arzt weiß ich aber auch: Patienten, die sich für Früherkennung interessieren, wollen bei einem positiven Befund auch etwas machen. Und das ist vielleicht ein Punkt, den man den Patienten noch besser verständlich machen muss: Aktives Beobachten ist auch eine Form der Behandlung.